kann man den Sinn im Leben verlieren? Oder verlieren wir manchmal nur den Zugang zu dem, was unserem Leben Sinn gibt?
Es gibt Phasen, in denen sich diese Frage kaum stellt. Das Leben läuft. Beziehungen, Aufgaben, Interessen – vieles passt zusammen. Vielleicht nicht perfekt, aber doch so, dass wir spüren: Das hier ist mein Leben. Und es ist stimmig.
Und dann gibt es andere Zeiten. Wir funktionieren. Erledigen, was zu erledigen ist. Reagieren auf Anforderungen, lösen Probleme, erfüllen Verpflichtungen. Nicht einmal etwas Grundsätzliches muss schieflaufen. Und trotzdem kann sich irgendwann eine Frage bemerkbar machen: Wofür mache ich das eigentlich?
Manchmal steht sie plötzlich im Raum. Manchmal entwickelt sie sich schleichend – als Gefühl fehlender Stimmigkeit, als Eindruck, dass etwas fehlt, als Sehnsucht nach Veränderung.
Die Psychologin und Sinnforscherin Tatjana Schnell beschreibt Sinn nicht als etwas, das irgendwo objektiv vorhanden wäre und nur entdeckt werden müsste. Sinn entsteht vielmehr in der Beziehung zwischen einem Menschen und seiner Umwelt. Er ist subjektiv, relational und dynamisch.
Das verändert die Perspektive.
Vielleicht müssen wir den Sinn unseres Lebens gar nicht irgendwann finden und anschließend möglichst gut festhalten.
Vielleicht geht es vielmehr darum, in einer lebendigen Beziehung zu dem zu bleiben, was für uns wesentlich und bedeutsam ist.
Sinn ist kein Besitz
Was einem Menschen Sinn gibt, kann sich verändern.
Was mit dreißig wichtig war, muss mit fünfzig oder sechzig nicht dieselbe Bedeutung haben. Beziehungen verändern sich. Rollen entstehen und enden. Erfahrungen kommen hinzu. Gesundheit, Freiheit, Entwicklung, Familie, Natur, Zugehörigkeit oder der Wunsch, etwas beizutragen, können in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich wichtig werden.
Das Gefühl, den Sinn verloren zu haben, muss deshalb nicht bedeuten, in einer tiefen Sinnkrise zu stecken.
Vielleicht trägt eine bisherige Sinnquelle nicht mehr.
Vielleicht verblasst etwas Altes, während das Neue noch keine klare Gestalt angenommen hat. – Sehr oft ein Thema, das mir in meinen Coachings begegnet.
Solche Zwischenräume können unangenehm sein. Aber sie können auch eine wichtige Information enthalten:
Etwas, das einmal stimmig war, ist es heute nicht mehr.
Vielleicht lautet die hilfreichere Frage deshalb nicht:
„Was ist der Sinn meines Lebens?“
sondern:
„Was lässt mein Leben gegenwärtig sinnvoll werden?“
Sechs Perspektiven auf Sinn
Aus psychologischer Sinnforschung und aus Viktor Frankls existenziellem Sinnverständnis lassen sich eine Landkarte mit sechs Perspektiven entwickeln.
1. Kohärenz – Ich kann verstehen
Sinn hat mit Verstehbarkeit zu tun.
Wie verstehe ich, was gerade mit mir geschieht?
Wie passt meine gegenwärtige Situation zu meinem bisherigen Weg?
Aus Zen-Perspektive kommt allerdings etwas hinzu: Nicht alles muss verstanden und erklärt werden. Manchmal besteht die Aufgabe gerade darin, sich dem zu stellen, was ist – auch wenn es sich nicht vollständig einordnen lässt.
2. Werte – Ich weiß, was mir wichtig ist
Nicht: Was möchte ich erreichen?
Sondern:
Was ist mir wirklich wichtig?
Was davon ist tatsächlich meines – und was habe ich lediglich übernommen?
Werte zeigen sich besonders dort, wo sie Konsequenzen haben. Wo wir uns entscheiden müssen. Wo Werte auch in Konkurrenz oder gar im Konflikt zueinander stehen. Wo es unbequem wird.
3. Purpose – Ich weiß, worauf ich mich ausrichte
Eine sinnvolle Ausrichtung muss keine große Lebensmission sein.
Für einen Menschen da sein. Etwas gestalten. Lernen. Bewahren. Verantwortung übernehmen.
Wofür setze ich meine Zeit, Aufmerksamkeit und Energie ein?
Zen setzt hier zugleich ein Gegengewicht: Wenn jeder gegenwärtige Augenblick nur Mittel für ein späteres Ziel wird, verpassen wir das Leben, das gerade geschieht.
Richtung haben – und dennoch ganz hier sein.
4. Kongruenz – Ich lebe danach
Wir können unsere Werte kennen und wissen, was uns wichtig ist – und trotzdem völlig anders leben.
Passt mein tatsächliches Leben zu dem, was ich für wesentlich halte?
Tatjana Schnell spricht von zwei wichtigen Voraussetzungen für Sinnerfahrungen: Klarheit und Umsetzung.
Man könnte auch sagen:
Sinn erkennen ist nicht dasselbe wie Sinn leben.
Im Zen ist genau das entscheidend. Erkenntnis bewährt sich nicht in schönen Gedanken, sondern darin, wie wir unseren Alltag leben.
5. Bedeutsamkeit – Es ist nicht gleichgültig
Was bedeutet mir wirklich etwas?
Wo erlebe ich mein Tun als wirksam?
Für wen oder was macht es einen Unterschied, dass ich da bin?
Dabei muss nicht jeder Augenblick außergewöhnlich sein.
Tee trinken. Kochen. Gehen. Zuhören. Den Boden fegen.
Auch das Alltägliche kann ganz getan werden.
Vielleicht liegt Sinn deshalb manchmal weniger im Was als im Wie.
6. Transzendenz und Beitrag – Es geht nicht nur um mich
Viktor Frankl bezeichnete die Ausrichtung auf etwas oder jemanden jenseits des eigenen Ichs als Selbsttranszendenz.
Wem oder was dient das, was ich tue – über mich selbst hinaus?
Wozu möchte ich beitragen?
Hier berühren sich Frankl und Zen besonders deutlich.
Die Frage verschiebt sich von:
„Was gibt mir dieses Leben?“
hin zu:
„Was braucht diese Situation von mir?“
Vielleicht ist der Sinn gar nicht verloren
Der Alltag besitzt eine erstaunliche Fähigkeit, Wesentliches unsichtbar werden zu lassen.
Termine, Verpflichtungen und Routinen beanspruchen unsere Aufmerksamkeit. Unter dauerhaftem Stress wird die Wahrnehmung enger. Probleme und unmittelbare Anforderungen treten nach vorne.
Die Lebenslogik lautet dann schnell:
Anforderung → Reaktion → nächste Anforderung → nächste Reaktion.
Wir funktionieren.
Dabei verlieren wir aber nicht den Sinn selbst.
Vielleicht verlieren wir viel häufiger den Zugang zu dem, was für uns sinnvoll ist.
Dann müssen wir nicht sofort etwas Neues suchen.
Vielleicht sollten wir zunächst fragen:
Was ist aus meinem Blick geraten?
Wofür gibt es in meinem Leben keinen Raum mehr?
Was ist nicht verschwunden, sondern nur zugeschüttet?
Weniger Sinnsuche – mehr BeSINNung
Tatjana Schnell verwendet dafür einen bemerkenswert passenden Begriff:
Besinnung.
Oder, um das Wortspiel deutlicher zu machen: BeSINNung.
Innehalten. Abstand gewinnen. Wahrnehmen. Fragen zulassen, für die es nicht sofort eine Antwort geben muss.
Hier liegt eine unmittelbare Verbindung zur Zen-Praxis.
Zazen liefert uns nicht den Sinn unseres Lebens.
Wir sitzen nicht, um möglichst schnell eine gute Antwort auf die Frage zu bekommen, wofür wir leben sollen.
Wir sitzen.
Werden stiller.
Nehmen wahr.
Lassen für eine Weile das ständige Reagieren und Erledigen ruhen.
Vielleicht entsteht dadurch genau jener Raum, in dem wieder sichtbar werden kann, was im Funktionieren aus dem Blick geraten ist.
BeSINNung → Klarheit → Ausrichtung → Handeln → Sinnerfahrung.
Sinn braucht weniger die eine große Antwort.
Sondern Aufmerksamkeit für die Beziehung zwischen uns und unserem Leben.
Und von Zeit zu Zeit:
Stille. Präsenz. BeSINNung.