Die Quelle ist der Ausgangspunkt, der Ursprung. Bei Flüssen und Bächen ist uns das sehr einleuchtend und vertraut. Wenn wir in der Meditation die Aufmerksamkeit nach Innen richten, wenn wir uns selbst bewusst werden, wo ist dann die Quelle dieses Bewusst-Werdens und eines Bewusst-Seins? Wo entspringt dies alles?
Wir sind gewohnt, sie uns als einen Punkt vorzustellen. Einen Ursprung, den man finden kann, wenn man nur lange genug sucht. Stromaufwärts. Immer weiter. Bis ganz nach oben.
Aber was, wenn genau diese Vorstellung in die Irre führt?
Wenn wir in der Meditation die Aufmerksamkeit nach innen richten, wenn wir uns selbst bewusst werden – wo ist dann die Quelle dieses Bewusstseins? Wo entspringt das alles?
Diese Fragestellung hat sich mir beim Lesen einer Anekdote gestellt. Sie hat etwas in mir verschoben. Otto Scharmer – ein deutscher Professor am MIT in Cambridge und Mitbegründer des Presencing Institutes – schildert darin eine Erfahrung, die er währende einer Wanderung gemacht hat. Ich finde darin sehr viel Erkenntnis und Weisheit für mich.
Die Anekdote: „Auf der Suche nach der Quelle“ (Otto Scharmer)
„Vor Jahren war ich einmal wandern in den Alpen, im Grenzgebiet zwischen der Schweiz und Italien. Diese Gegend ist ein besonderer Ort in Europa, weil es die Wasserscheide zwischen großen Flusssystemen wie Rhein, Rhone und Inn ist. Die drei Flusssysteme entwässern mit dem Rhein in die Nordsee, der Rhone ins Mittelmeer und dem Inn über die Donau ins Schwarze Meer.
Ich beschloss dem Inn flussaufwärts bis zur Quelle zu folge. Als ich stromaufwärts wanderte, wurde mir klar, dass ich noch nie in meinem Leben einem Fluss bis zur Quelle gefolgt war. Ich hatte tatsächlich noch nie gesehen, wie die Quelle eines großen Flusses aussieht.
Der Fluss wurde immer schmaler, bis er nur noch ein Rinnsal war. Schon bald stand ich an einem kleinen Teich in der breiten Talsohle, umgeben von gletscherbedeckten Berggipfeln. Ich stand da, lauschte und stellte überrascht fest, dass ich inmitten zahlloser größerer und kleinerer Wasserfälle war, die von den Bergen um mich herum hinabstürzten. Sie erzeugten die schönste Klangsinfonie, die man sich vorstellen kann.
Der Ursprung befand sich nicht an einem einzigen Punkt. Ich war von der Quelle umgeben. Sie strömte aus dem Kreis von Berggipfeln herab und lief in einem System aus kleinen Teichen und schließlich in dem Teich vor mir zusammen.
War der Teich vor mir die Quelle? Oder war die sinfonische Sphäre der mich umgebenden Wasserfälle die Quelle?“
Von der Quelle umhüllt
Otto Scharmer hat diese Anekdote in einem Buch als Verdeutlichung des Begriffs Quelle / Ursprung im Zusammenhang mit der Erklärung verschiedener Bewusstseinsebenen verwendet.
Diese Suche nach der Quelle folgt einer vertrauten Logik:
Wir suchen. Wir gehen weiter. Wir verengen den Blick. Wir erwarten einen Ursprung – klar, eindeutig, lokalisierbar.
Und dann kippt etwas.
Nicht, weil wir die Quelle gefunden haben. Sondern weil sich zeigt: Die Annahme war falsch. Die Quelle ist kein Punkt. Sie ist ein Feld.
Genau hier berührt diese Anekdote die Erfahrung in der Meditation.
Wir beginnen oft ähnlich: Wir richten die Aufmerksamkeit nach innen. Wir folgen ihr, wie einem Fluss stromaufwärts. Der Fokus wird enger, ruhiger, feiner.
Und dann – manchmal ganz unspektakulär – verändert sich die Qualität.
Nicht mehr: Ich suche. Nicht mehr: Ich nähere mich etwas.
Sondern eher: Ich bin bereits darin.
Ein Gefühl von Umgeben-Sein. Ein Eingebettet-Sein. Kein Zentrum, kein Rand. Wie bei den Wasserfällen: Die Quelle ist nicht vor uns. Sie ist um uns.
Sitzen, als ob man ein warmes Bad nimmt
Die Beschreibung von Meditationserfahrungen bleibt heikel. Jede Erfahrung ist individuell. Und beim Lesen oder Hören entsteht leicht der Wunsch, etwas Bestimmtes reproduzieren zu wollen. Das kann in die Irre führen.
Das, was dieses Bild der umgebenden Wasserfälle als umhüllende Quelle bei mir ausgelöst hat, ist demnach auch nur meine ganz eigene Assoziation und Verbindung zu meinem Erfahrungshorizont.
Und doch taucht dieses Moment des „Umhüllt-Seins“ in vielen Beschreibungen wieder auf.
Reiko Mukai Osho, ein zeitgenössischer Zen-Meister, beschreibt Zazen als
„sitting like taking a warm bath“. Sitzen, als ob man ein warmes Bad nimmt.
Nicht tun. Nicht suchen. Sich hineinbegeben.
Und vielleicht bemerken: Dass man nie außerhalb war.
Wie fühlt sich das tiefe Einlassen auf Deine Meditation an, nachdem die Gedanken allmählich zur Ruhe gekommen sind und Du eine Qualität der Versenkung erreicht hast? Wenn Du nicht mehr nach der Quelle suchst – sondern wahrnimmst, dass Du bereits von ihr umgeben bist?