Flughöhe variieren – Denken verändern

Flughoehe variieren
Flughöhe variieren – Denken verändern

Flughöhe variieren. Diesen Begriff verwendete der Flugpionier und Psychiater Bertrand Piccard in einem Interview. Mit dieser Metapher erklärt er, wie man seine Perspektive, sein Denken und Handeln verändern kann.

Metaphern aus dem Fliegen, Flughöhe, mit und gegen den Wind

Piccard schaffte es – im dritten Versuch – die Erde non-stop mit dem Ballon zu umrunden. Eine weitere Pionierleistung gelang ihm zusammen mit einem Pilotenkollegen, abwechselnd in Etappen die Erde mit einem Solarflugzeug, der Solar Impulse, zu umrunden.

In beiden Projekten war er mit vielen Rückschlägen, mit Scheitern mit schwerwiegenden Entscheidungen konfrontiert. Während der Flüge war er letztendlich auf sich selbst gestellt.

In dem Interview berichtet er über seine Erfahrungen aus den beiden Projekten:
Zuerst habe ich gelernt mit Gegenwind zu Fliegen. Mit einem Drachenflieger oder einem Ultraleichtsegler braucht man Gegenwind für den Start und muss gegen den Wind ankämpfen können. Man entscheidet sich für ein Ziel, für einen Landeplatz. Ganz egal wie die Windrichtung ist, kämpft man sich dorthin.

Eine ganz andere Erfahrung ist das Fliegen in einem Ballon. Dort treibt der Wind den Ballon vor sich her. Für Piccard war diese Erfahrung ein Wendepunkt in seinem Leben. Er begriff, dass das auch eine andere Art des Fliegens und des Lebens war. Anstatt alles daran zu setzen, etwas zu erreichen und für etwas zu kämpfen, könnte man die Winde – das Leben – , die man nicht kontrollieren kann, nutzen und das Ungewisse akzeptieren.

In einem Heißluftballon kann man andere Windrichtungen in anderen Luftschichten suchen. Dazu muss man seine Flughöhe verändern, um dann die Richtung zu verändern. So ist das auch im Leben. Wer nur auf eine Art denkt – immer die gleiche Flughöhe hat – wird immer in die gleiche Richtung getrieben.

Unterschiedliche Lebenswege eröffnen sich durch andere Denkweisen. Wenn wir den Ballast unserer Lebensanschauungen und Gewohnheiten abwerfen, können wir alle die unterschiedlichen Flughöhen im Leben variieren und entdecken. Schließlich können wir die Denkweise – die Flughöhe – wählen, die uns in die gewünschte Richtung trägt. Auch bei ungünstigen Windverhältnissen, lässt sich die Flughöhe ändern. Es gilt sich die Elemente einer Situation, auch einer Krise, nutzbar zu machen, um nach der Krise daraus zu lernen, um etwas besser machen zu können.

Die Flughöhe ändern – Wie geht das?

Die Metapher der Winde nutzen wir sehr oft in unserem Leben. Turbulenzen und ungünstige Winde stehen für Schwierigkeiten. Da kann man dann überlegen, ob es gut ist, die Turbulenzen auszuhalten und sich dagegen zu stellen. Oder aber eine andere Flughöhe zu wählen und eine Luftschicht zu suchen, wo es besser oder einfacher geht.

Man ändert seine Flughöhe, indem man sich fragt, wie man bisher gelebt hat, wie man bisher mit einem Thema oder Problem umgegangen ist. Alleine ein Wunsch nach Veränderung nützt nichts. Solange man auf der selben Flughöhe in seinen Denkmustern verharrt ist man blockiert. Wenn man aber neue Denkweisen zulässt, sich hinterfragt, wie man anders (re)agieren könnte, eröffnen sich neue Wege. Es ergibt sich eine Wahl.

Krise oder Abenteuer

In unserer Zeit suchen wir die Sicherheit im außen. Die viel größere Gefahr besteht, gefangen in unseren hergebrachten Denkweisen zu sein. Was wir früher gelernt haben, mag damals nützlich gewesen sein. Die Dinge sind aber stets im Fluss. Wir wollen die gewohnte Sicherheit behalten oder wieder erlangen und stemmen uns so gegen den Wandel.

„Eine Krise, die man annimmt, ist ein Abenteuer. Eine Krise, die man ablehnt, bleibt eine Krise.“
Bertrand Piccard

Als Beispiel führt Piccard den Verlust des Arbeitsplatzes an. Man könne dann dagegen klagen und bekommt vielleicht sogar Recht. Dann kann man dort weiterarbeiten. Aber in welchem Arbeitsklima? Die Beziehung zum Arbeitgeber, vielleicht auch zu manchen Kollegen ist schwierig geworden. Das kann zur Hölle werden. Oder man stellt sich die Frage, was man anderes arbeiten kann. Vielleicht welche Kompetenzen man noch erwerben kann oder möchte und dann eine Arbeit findet, die sogar besser passt.

Dieses Vorgehen bedeutet Ballast abzuwerfen und die Flughöhe zu verändern.

Natürlich gibt es auch Situationen in denen es sich lohnt, den Kampf aufzunehmen. In der Mehrheit der Fälle ist es aber wie beim Wind. Man kann im Heißluftballon nicht gegen den Wind fliegen. Ebensowenig kann man sich gegen das Leben stemmen. Krankheiten und andere Herausforderungen im Leben entstehen, ohne dass man dafür verantwortlich ist. Man hat dann aber die Verantwortung im Leben so darauf zu reagieren, dass man die Situation möglichst gut übersteht und dass man sogar weiterkommt.

Von außen nach innen – Erfahrung mit Alleinsein

Piccard machte in den langen Flugzeiten im Solar Impulse intensive Erfahrungen mit Alleinsein und Einsamkeit. Alleinsein oder Einsamkeit kann man in zwei Arten leben. Entweder zählt man die Stunden und Tage in Erwartung einer besseren Zukunft. Das kommt einer Folter gleich, weil die Zeit so unendlich langsam vergeht. Oder man konzentriert sich auf den Augenblick, das momentane Erleben, das Gewahrwerden, dass man lebt.

So geht man mit der Zeit und sie verliert jede Bedeutung. Am Ende der Isolation ist man dann überrascht, wie schnell die Zeit vergangen ist. Sich die Zukunft vorzustellen ist viel beschwerlicher als im Augenblick zu leben.

Aber wie kann man das machen? Gewöhnlich richten wir unsere Aufmerksamkeit nach außen auf das, was wir sehen, hören, spüren und riechen. Man kann den Blick umkehren und die Aufmerksamkeit auf das Innenleben richten und dies zum Objekt der Aufmerksamkeit und Konzentration machen.

Man wird sich seiner selbst bewusst. Dann kann man seinen Gefühlen, Ängsten und Sorgen begegnen. Dabei kann man einen inneren „safe place“, einen inneren Ort der Sicherheit und Geborgenheit verankern. Man kann in seinem Leben alles verlieren. Deshalb ist es wichtig, diesen Zugang zu der inneren Kraft zu entdecken und zu nutzen, die aus diesem safe place heraus entsteht.

Scheitern ist Teil des Lebens

Gerade die, welche sich über jemanden lustig machen, der in einer Situation gescheitert ist, haben sehr viel Angst, selbst etwas zu wagen. Wer Angst davor hat aus der eigenen Komfortzone herauszutreten und sich vor dem Scheitern fürchtet ist eher glücklich über die Misserfolge anderer.

Ohne Scheitern, ohne Fehler ist aber keine Entwicklung möglich. Aus Fehlern oder Fehlversuchen kann man lernen, indem man erkennt, warum etwas nicht zum Ziel geführt hat. Dann kann man anderes versuchen. Dumm ist nur einen Fehler mehrfach zu machen. Die wahre Innovation besteht nicht darin, dass was wir haben, immer besser zu machen. Sondern einen Schritt zur Seite zu treten, oder die Flughöhe zu verändern, und etwas neu zu denken.

Es wurde uns aber beigebracht, an Sicherheit und Gewohnheiten festzuhalten und immer auf der selben Flughöhe und in die selbe Richtung unterwegs zu sein. Drehen dann die Winde des Lebens, sind wir verloren, weil wir mit dem Unvorhersehbaren nicht umzugehen wissen. Das sollten wir ändern. Wir sollten erkennen, dass Fragen und Zweifel mächtige Impulsgeber sind für unsere Kreativität, Vorstellungskraft und Leistungsfähigkeit.

In einfachen Lebensroutinen sind wir oft im Autopiloten unterwegs. Da fehlt Aufmerksamkeit und wir sind nicht wach für solche neuen Impulse.

Weisheit zwischen Stress und Fatalismus

Im Leben sind wir immer wieder herausgefordert zu erkennen, wann muss oder soll ich agieren, vielleicht sogar kämpfen? Und wann ist akzeptieren, das Annehmen einer Situation angesagt. Davor steht die Frage: Kann ich eine Situation ändern oder nicht? Sehr oft können wir Situationen nicht ändern, gehen aber doch in den Kampf dagegen. Das ist Stress.

Oder wir lassen Situationen über uns lethargisch ergehen, wo es in unserer Macht wäre, eine Veränderung herbeizuführen. Das ist dann Fatalismus.

Weisheit ist zu erkennen, was wir nicht ändern können und wo es Möglichkeiten gibt zu handeln. So wie das der Philosoph und Theologie Reinhold Niebuhr in den 40er Jahren des Letzen Jahrhundert bereits formulierte:

Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Wie erlangen wir diese Weisheit? – Aus der Welt heraus, aus dem außen? Oder finden wir diese Weisheit in uns? Auch hier scheint es hilfreich zu sein, auf verschiedenen Flughöhen unterwegs sein zu können.

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