Ankommen ohne Ziel

ankommen
Ankommen … nowhere to go

Ankommen wollen, irgendwo. Bei irgendetwas. Das ist das andere Ende von sich ein Ziel setzen, sich aufmachen, etwas erreichen wollen. Das Ankommen kann das Ziel selbst sein. Der Zustand, etwas erreicht zu haben. Einen Gipfel zum Beispiel mit einer grandiosen Panoramaaussicht, dem Blick auf den beschwerlichen Weg oder auch dem Gefühl etwas überwunden oder bezwungen zu haben.

Was ist Ankommen, wenn man doch schon da ist?

In Goethes Faust heißt es schon zu Beginn: „Es irrt der Mensch, solang‘ er strebt.“ Oder anders ausgedrückt: Solange wir uns Ziele setze, Ziele verfolgen, solange werden wir auch irren, falsche Wege gehen. Wir wollen ankommen … und verirren uns.

Die Formulierung eines Ziels oder das Setzen eines Ziels ist meist mit einem Wunsch oder einer Sehnsucht verbunden. Und auch der Annahme, dass dieses Ziel woanders ist. Vor uns auf dem Weg, in der Zukunft. Ist dies aber immer die richtige Annahme? Was ist, wenn wir schon am Ziel angekommen sind, es aber nicht bemerken? Dann entfernen wir uns mit jedem Schritt, mit jeder Anstrengung von dem, was wir erreichen wollen.

Nothing to do – nowhere to go

Zu Beginn eines 7 Tage Sesshins – Sesshins werden im Zen Zeiten intensiver, gemeinsamer Meditation bezeichnet – leitetete mein Lehrer diese intensive Zeit mit den Worte ein: „Nothing to do, nowhere to go, no one to be.“ Du hast nichts zu tun, musst nirgendwo hingehen und Du musst niemand sein.

Was ist damit gemeint? Speziell dieses nirgendwo hingehen? Heißt das dann auch nirgendwo ankommen, wenn ich nicht irgendwo hingehe? Wenn ich nirgendwo ankomme, bin ich dann nicht schon verloren?

Das sind gute Fragen in der – bzw. vor der – Meditation. Es heißt ja oft: In der Meditation gibt oder gilt es nichts zu erreichen. Und da sind wir dann beim Kern.

Es ist immer gut, sich daran zu erinnern, dass wir nicht versuchen, irgendwelche besonderen Zustände oder Gefühle zu erreichen oder festzuhalten. Dass wir nicht versuchen, bestimmten Zielen in der Meditation nachzujagen. Meditation ist die Kunst, bewusst in jedem Augenblick anzukommen und diese Erfahrung so vollständig wie möglich zu erfahren.

Ankommen, bevor man aufbricht

Die Wahrheit ist, dass wir immer im gegenwärtigen Augenblick ankommen. Ganz gleich, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Thich Nhat Hanh (ein zeitgenössischer Zen Meister) hat oft gesagt: „Es gibt kein Kommen und Gehen, sondern nur Ankommen“. Wenn es also ein Ziel in dieser Praxis gibt, dann ist es, so vollständig wie möglich im Hier und Jetzt anzukommen.

Wir können dieses Ankommen direkt durch das Gefühl jedes Atemzuges erfahren, wenn er kommt und geht. Wir können die Luft fühlen, wenn sie sanft an der Innenseite der Nase entlang streicht oder wenn sich die Bauchdecke hebt und senkt.

Diese Art von körperlichem Kontakt mit einer Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks bringt den Geist dazu, sich im gegenwärtigen Moment zu sammeln und zu bündeln. Auf diese Weise können wir uns von dem denkenden Verstand lösen, der uns immer in eine Vorstellung der Zukunft oder eine Erinnerung an die Vergangenheit hineinzieht.

Gedanken führen aus dem Jetzt hinaus

Warum sollte dieses Gegenwartsbewusstsein eine nützliche Sache sein, die es zu kultivieren gilt? Zunächst einmal, weil dies der einzige wirkliche Moment ist, in dem wir lebendig sind und wissen, dass wir leben. Es ist auch der einzige Moment, in dem wir wirklich wirksam sein können.

Ein weiterer Grund ist, dass wir, wenn wir mit der Realität des gegenwärtigen Augenblicks verbunden und von den vom Verstand geschaffenen Gedanken losgelöst sind, in der Lage sind zu erkennen, dass diese Gedanken überhaupt keine Realität haben. Gedanken sind das, was sie sind: Gedanken.

Es sind Prozesse in unserem Gehirn. Sie sind nicht real. Auf diese Weise fühlen wir uns dann nicht so sehr darin gefangen, unseren eigenen Gedanken zu trauen. Erkennen wir das, dann kann diese Art des Bewusstseins zu einer Verringerung unserer alltäglichen Verstrickungen führen. Im buddhistischen Kontext würde man von einer Verringerung des Leidens sprechen.

Ankommen im Gehen

Eine sehr dynamische und intuitive Art, das Gefühl des Ankommens zu erleben, ist die langsame Gehmeditation. Bei dieser Praxis versuchen wir absichtlich nicht, irgendwo hinzukommen. Wir versuchen nicht, von „hier“ nach „dort“ zu gelangen. Wir gehen sehr langsam und spüren die Verlagerung des Gewichts von einem Bein auf das andere, dann das Anheben eines Fußes und schließlich die Platzierung dieses Fußes vor uns. Wir sind auf die initialen Empfindungen eingestimmt, die jeden Schritt begleiten, in dem vollen Verständnis, dass es bei all dem darum geht, immer und immer wieder „hier“ anzukommen. Tatsächlich ist jeder Schritt ein Ausdruck von „hier“.

In deinem täglichen Leben kannst du dich in jedem Augenblick mehr auf dieses Verständnis des Ankommens einstimmen. Denke einfach daran, dass überall, wohin du gehst, nur „hier“ ist. Auch wenn du dein imaginäres Ziel von „dort“ erreichst, so wirst du immer noch nur „hier“ sein.

Mache dir keine Sorgen. Du wirst im Leben immer noch irgendwo ankommen. Aber die Reise könnte etwas interessanter sein.

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