Loslassen können – RAIN

Loslassen können

Loslassen können

Etwas loslassen können, nicht daran festhalten, kein gedankliches Gefängnis bauen, das ist für viele Menschen immer wieder eine Herausforderung. Nicht selten halten wir über Jahre an „etwas“ fest, was uns beschäftigt, was wir nicht hinnehmen wollen oder was wir uns sehnsüchtig wünschen.

Und wenn uns dann ein Freund den gut gemeinten Rat gibt: „Lass doch einfach los!“, dann kann das wütend machen oder es klingt einfach nur zynisch. Loslassen ist eben nicht einfach. Oder doch?

Claudia aus unserer ZEN-Gruppe hat mir dazu eine kleine Geschichte geschickt:

Loslassen können – eine kleine Geschichte

Es war einmal ein Mann, der sich in den Bergen verirrt hatte und den Weg nach Hause nicht mehr fand. Die Sonne ging schon unter und er fürchtete sich mehr und mehr. Alles wurde still und dunkel. Er begann also, sehr langsam zu gehen, weil er nicht wusste, wohin er seinen Fuß setzen sollte.

Plötzlich gelangte er an einen Abgrund und stürzte hinein. Noch im Fallen konnte er sich an ein paar Wurzeln festhalten. Die Nacht war sehr kalt und seine Hände wurden steif. Es wurde für ihn immer schwieriger, sich an den Wurzeln festzuhalten.

Er erinnerte sich an seinen Gott und sogar an die Götter anderer Leute. Irgendjemand musste ihm doch helfen! Er betete alle heiligen Worte, die ihm einfielen, doch nichts passierte. Seine Hände wurden immer kälter und die Wurzeln rutschten durch die Hände.

Da begann er, sich von der Welt zu verabschieden. „Es geht mit mir zu Ende. Ich weiß nicht, wie tief das Tal ist, in das ich fallen werde und wie viele Knochenbrüche ich erleiden werde.“ Er weinte so viele Tränen und dabei wollte er früher doch immer die Welt verlassen, weil sie ihm so viele Probleme bereitete. Jetzt war die Gelegenheit dazu da, doch jetzt wollte er leben!

Die Kälte wurde stärker und stärker und schließlich musste er die Wurzeln loslassen.
Aber als er fiel, konnte er es kaum glauben: Zu seiner Überraschung stand er gleich darauf auf dem Boden! Die ganze Nacht lang hatte er gekämpft und gelitten und war doch nur 20 Zentimeter vom Boden entfernt gewesen! Die Kälte, die ständige Angst, dass er irgendwann loslassen müsste, die ganze Verzweiflung hatte er durchlebt, ohne je wirklich in Gefahr gewesen zu sein.

Er begriff, dass er gerade eine Lektion in Sachen LOSLASSEN können erhalten hatte und in Zukunft Hingabe und Vertrauen in das Leben ein wichtiger Bestandteil für ihn sein würden.

RAIN

Innerhalb der Achtsamkeits-Praxis gibt es eine Art Konzept oder Prozess, in welchem das Loslassen Können für die bewusste Umwandlung von Schwierigkeiten über mehrere Stufen aufgefächert wird. Es setzt sich aus vier Prinzipien zusammen, die in dem Akronym RAIN zusammengefasst sind.

RAIN – das deutsche Wort dafür ist Regen – und die Buchstaben stehen steht für Anerkennung, Akzeptanz, Untersuchung und Nicht-Indentifizierung.

R Recognition – Anerkennen, Erkennen

A Acceptance – Akzeptanz

I Investigation – untersuchen, erforschen

N Non-Identification – Nicht-Identifizierung

Dieses Akronym erinnert an die Zen-Dichter, die uns sagen, „der Regen fällt gleichermaßen auf alle Dinge.“ Wie die Nahrung des äußeren Regens können die inneren Prinzipien von REGEN unsere Schwierigkeiten verwandeln. Jack Kornfield, ein Psychologe und buddhistischer Mönch in der Tradition des Theravada Buddhismus hat dies etwa so beschrieben:

Anerkennen

Anerkennen ist der erste Schritt in der Achtsamkeit. Wenn wir in unserem Leben stecken bleiben, müssen wir mit der Bereitschaft beginnen zu sehen, was ist. Stopp. Nicht einfach darüber hinweglesen. Das ist nicht so selbstverständlich. Es ist, als ob jemand uns sanft fragt, was geschieht jetzt gerade? Antworten wir brüsk, „Nichts“?

Oder pausieren wir, halten inne und erkennen was jetzt wirklich gerade ist, die Realität dessen, was wir in diesem Moment erfahren, hier und jetzt? Erkennen wir, was jetzt gerade ist und erkennen wir es an.

Mit der Anerkennung treten wir aus der Verleugnung oder Ablehnung der tatsächlichen Situation heraus. Verleugnung untergräbt unsere Freiheit. Anerkennung bewegt uns von der Täuschung und Unwissenheit zur Freiheit. „Wir können eine Lampe in der Dunkelheit anzünden“, sagt der Buddha. Wir können sehen, was wirklich ist.

Akzeptanz

Der nächste Schritt von RAIN ist Akzeptanz. Akzeptanz ermöglicht uns, uns zu entspannen und die Fakten vor uns zu auszubreiten. Das ist notwendig, weil mit der Anerkennung subtile Abneigungen, Widerstand oder der Wunsch, dass es anders wäre, aufkommen können.

Akzeptanz bedeutet nicht, dass wir nicht daran arbeiten können, um die Dinge zu verbessern. Aber gerade jetzt ist so wie es ist.

Im Zen heißt es: „Wenn du verstehst, sind die Dinge genau so wie sie sind. Und wenn du nicht verstehst, dann sind die Dinge immer noch so wie sie sind.“

Akzeptanz ist keine Passivität. Es ist ein mutiger Schritt in den Prozess der Transformation. Mit Akzeptanz und Respekt werden Probleme, die hartnäckige erscheinen, oft handhabbar. Mit Akzeptanz und Respekt können überraschende Wandlungen entstehen.

Untersuchen / Erforschen

Anerkennung und Akzeptanz führen zum dritten Schritt: untersuchen oder erforschen. Zen-Meister Thich Nhat Hanh nennt dies „seeing deeply“ – „tief schauen“.

In der Anerkennung und Akzeptanz erkennen wir unser Dilemma und akzeptieren die Wirklichkeit der ganzen Situation. Jetzt ist es daran, tiefer zu gehen. Der Buddhismus lehrt: Der Grund dafür, warum wir im Leben feststecken, liegt darin, dass wir nicht tief genug in die Natur dessen gesehen haben, was wir erfahren.

Diese Untersuchung erstreckt sich systematisch auf vier Bereiche. Diese werden die vier Grundlagen der Achtsamkeit genannt: Körper, Gefühle, Geist (bzw. Geisteszustand wie z.B. abgelenkt, konzentriert, verwirrt) und Geistesobjekte (d.h. alle äußeren und inneren Objekte/Dinge, die im Moment wahrgenommen werden). Man bezeichnet diese vier auch als die Grundlagen der Erfahrung.

Wir können feststellen, ob ein Erlebnis, eine Erfahrung eigentlich so fest und massiv ist, wie es scheint. Ist es unveränderlich oder ist es vergänglich, in Bewegung, wandelbar, erschafft es sich vielleicht sogar selbst immer wieder neu?

Wir bemerken, ob ein Problem, eine schwierige Situation unseren Geist einengt oder ihm Raum lässt, ob es in unserer Kontrolle ist oder ob es sein eigenes Leben hat. Wir bemerken, ob es durch uns selbst konstruiert ist. Wir untersuchen, ob wir uns an diesem Problem festhalten, ihm widerstehen oder es einfach zulassen. Wir sehen, ob unsere Beziehung dazu eine Quelle des Leidens oder Glücks ist. Und schließlich bemerken wir, wie sehr wir uns damit identifizieren.

Dies führt uns zum letzten Schritt des RAIN, Nicht-Identifizierung.

Nicht-Identifizierung

In der Nicht-Identifizierung hörst du auf, die Erfahrung wahrzunehmen aus der Perspektive: „Ich bin diese Erfahrung“. Aus z.B. „Ich bin wütend“ wird: „Da ist Wut“; aus „Ich bin traurig“ wird: „Da ist Traurigkeit“; aus „Ich bin ein Versager“ wird: „Da ist Versagen“.

Wir sehen, wie unsere Identifikation Abhängigkeit, Angst und Un-Authentizität schafft. Beim Praktizieren der Nicht-Identifizierung erkunden wir jeden Zustand, jede Erfahrung und Geschichte danach, ob das wirklich wir sind?

Wir sehen die Unsicherheit dieser scheinbaren Identität. Anstatt uns mit dieser Schwierigkeit zu identifizieren, lassen wir sie los und ruhen in unserem Bewusstsein.

Dies ist der Endpunkt des Loslassen Könnens von Schwierigkeiten durch RAIN.

Der Buddhismus nennt die Nicht-Identifizierung den Aufenthaltsort des Erwachens, das Ende des Festhaltens, wahren Frieden. Wenn wir der Welt mit Anerkennung, Akzeptanz, Erforschung und Nicht-Identifizierung begegnen, entdecken wir, dass überall wo wir sind, Freiheit möglich ist.

So wie der Regen fällt und alle Dinge gleichermaßen nährt.

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