Langsam sein – Dinge anders sehen

Langsam sein, langsam gehen

Langsam sein – „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“

Langsam sein. Das ist ein Rat des koreanischen Zen Mönchs Haemin Sunim. Er hat in Harvard studiet und fällt dadurch auf, dass er über Twitter und Facebook viele Menschen erreicht. Der deutsche Titel seines Buches heißt: „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“.

Das klingt ja auch gut und einleuchtend, auch wenn es nicht dem Zeitgeist und auch sehr oft nicht unserem Alltagsverhalten entspricht. Aber da ist auch noch ein anderer Aspekt, der auffällt. Der deutsche Titel ist weichgespült, verzerrt seine Aussage. Denn der englische Originaltitel lautet: „The things you can see only when you slow down“, also etwa „Dinge, die nur sehen kannst, wenn du langsam wirst“.

Die Beschränkung auf die „schönenen Dinge“ im deutschen Titel ist vermutlich einem eingänigeren Marketing geschuldet. Wer will denn auch schon die un-schönen Dinge sehen? Sind wir deshalb vielleicht sogar so schnell – und nicht langsam – unterwegs?

Die Untercheidung zwischen schönen Dingen und nicht schönen Dingen liegt nicht in den Dingen selbst. Sie entsteht erst in unserem Kopf. Das Zen lehrt uns, dass „Dinge“ (gemeint sind Gegenstände, Situationen, Zustände, …) nicht schön oder unangenehm sind. Sie sind so, wie sie sind. Und wir sollten sie so erkennen, wie sie sind. Ohne unsere Geschichten und Bewertungen, die wir ihnen zuschreiben. Das alleine macht vieles einfacher, klarer. Und „Dinge“ sind leichter als das zu erkennen, was sie sind, wenn man langsam sein kann.

Hier das kleine Interview mit Haemin Sunim, das Ihr schnell oder langsam und bewusst lesen könnt …. Eure Entscheidung …. 🙂

Solveig Bach: Ihr Buch heißt: „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“. Das wissen wir ja eigentlich, aber die Welt ist so schnelllebig. Warum glauben Sie trotzdem, dass Langsamkeit so wichtig ist?

Haemin Sunim: Wir können nicht immer noch schneller werden. Wenn wir uns überwältigt und gestresst fühlen, wollen wir uns alle entspannen. Ich sage nicht, wir müssen uns immerzu entspannen, aber wenn unser Geist ständig beschäftigt ist, können wir nicht schnell reagieren. Wenn ich beispielsweise eine Straße überquere und bin in Gedanken mit meiner Arbeit beschäftigt und es kommt ein Auto, werde ich es vielleicht nicht sehen.

Was bewirkt diese Verlangsamung?

Wenn wir langsamer werden, geben wir der Weisheit die Möglichkeit, herauszukommen. So können wir auf gute Ideen kommen. Oft finden wir die Lösung erst, wenn der Geist zur Ruhe kommt.

Erstmal muss es aber gelingen, etwas zurückzuschalten. Was sagen Sie jemandem, der zu Ihnen kommt und weiß, dass er ständig ruhelos ist, es aber nicht ändern kann?

Ich schlage dann vier Dinge vor: Wenn du zehn Sekunden hast, und selbst wenn du sehr beschäftigt bist, hast du zehn Sekunden: Dann lächle. Wenn du lächelst, beruhigt sich dein Herzschlag, die Gesichtsmuskeln entspannen sich, du kommst in Kontakt mit den Menschen, die dich umgeben. Wenn du eine Minute hast, nimm einen tiefen Atemzug, so kommst du in Kontakt mit deinem Körper und entspannst dich. Und wenn wir entspannter sind, können wir besser sehen, was wir als Nächstes tun sollten. Das Dritte, was ich empfehle. Wenn du von der Arbeit nach Hause zur deinen Kindern gehst, versuche, ob du 15 Minuten gehen kannst. Nur für dich allein laufen kann unglaublich entspannend sein. Es verändert die Stimmung der Menschen. Vielleicht kann man zwei Stationen eher aussteigen und nach Hause laufen. Man kann den Himmel anschauen oder die Bäume. Man kann Musik hören, die man wirklich liebt.

Was passiert in dieser Zeit?

Bevor wir uns um andere kümmern, sollten wir uns zuerst um uns selbst kümmern. Sonst reagieren wir immer nur auf die Ansprüche anderer Menschen, das fühlt sich schnell so an, als sei das ganze Leben fremdbestimmt. Als sei man Opfer der Umstände. Um die Kontrolle zurückzugewinnen, braucht man Zeit nur für sich. Das Vierte, das ich empfehle ist: Schreib drei Dinge auf, für die du heute dankbar bist. Das können ganz kleine Sachen sein, wie, dass einem jemand die Tür aufgehalten hat. Wenn man das einen Monat lang macht, beginnen die Menschen nach etwas zu suchen, für das sie dankbar sein können.

Sie sind Zen-Mönch, in meiner Vorstellung leben Sie abgeschieden. Wie kommt es, dass Menschen Sie um Rat fragen?

Ich habe getwittert und dann wollten die Leute mich kennenlernen. Zuerst kamen 50 Leute und plötzlich waren es 400. Wir sprachen über ganz konkrete Probleme. Meine Mutter ist gestorben, ich weiß gar nicht, was ich jetzt machen soll. Ich lasse mich scheiden, es ist schrecklich, ich mache mir große Sorgen um meine Kinder. Mein Nachbar geht mir mit lauter Musik auf die Nerven. Durch diese Gespräche fühlte ich mich inspiriert, ich versuchte zu helfen. So begann es.

Aber ist so ein schnelles Medium wie Twitter nicht der totale Widerspruch zu Achtsamkeit und Verlangsamung?

Social Media kann gut sein, wenn man es für gute Dinge nutzt. Oder schlecht, wenn man andere bloßstellt, kritisiert oder Lügen verbreitet. Ich nutze es als Plattform, um die Menschen zurück zu sich selbst und zu ihrer tiefen Weisheit zu bringen.

Sie haben schon ein bisschen beschrieben, welche Probleme die Menschen an Sie herantragen. Was sagen Sie Ihnen denn?

Wenn wir unglücklich sind, sind wir oft unglücklich über Dinge, die wir nicht ändern können. Je mehr Widerstand wir gegen diese Dinge leisten, umso unglücklicher werden wir. Wir wollen glücklicher werden, indem wir die Gewohnheiten anderer Menschen kontrollieren. Das können Ehemänner oder andere Familienmitglieder sein. Wir diskutieren immer wieder die gleichen Dinge, manchmal erfolgreich, oft aber nicht. Das sind ja oft sehr alte Angewohnheiten, und dann ist es gar nicht so einfach, sie zu ändern. Und meine Gewohnheit kann ich ja nur selbst ändern.

Aber was kann dann die Lösung sein?

Ich bin überrascht, dass Menschen immer wieder versuchen, Glück zu finden, indem sie andere Menschen kontrollieren. Die Frage ist: Wie kommen wir zu Akzeptanz? Wenn du jemanden liebst, solltest du lernen zu akzeptieren. Wenn wir versuchen, andere Menschen zu verbessern ist das oft, weil wir selbst einen Mangel spüren. Damit wir das nicht so merken, kümmern wir uns um die Probleme anderer Leute. Indem wir selbstbewusster und achtsamer werden, können wir die Ursachen dafür erkennen und Lösungen finden.

Gibt es eine Essenz, die in all Ihren Antworten steckt?

Es gibt natürlich nicht den einen Rat, der auf alles passt. Aber die Essenz ist, dass das Material deines Leidens deine Gedanken sind. Natürlich gibt es physische Schmerzen, aber psychologisches Leiden wächst durch die ständigen inneren negativen Kommentare, durch den inneren Kritiker. Also ist die Frage: Wie kann ich das stoppen? Indem ich in den Moment zurückkehre, atme, schon wenn wir fünf-, sechsmal ein- und ausatmen, hört das Gedankenkarussell einfach auf.

Quelle: n-tv

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