Olympische Spiele – Achtsamkeit

Olympische Spiele - Achtsamkeit
Olympische Spiele – Achtsamkeit

Olympische Spiele sind immer ein sportliches Highlight. Nur alle 4 Jahre – diesmal coronabedingt sogar erst nach 5 Jahren – treffen sich Athleten, die zum Teil viele Jahre darauf hingearbeitet haben. Es ist keine Überraschung, dass die Olympischen Spiele in diesem Jahr ein wenig anders aussehen und sich auch anders anfühlen.

Die Pandemie verändert die Olympischen Spiele

Die Pandemie verändert die Spiele. Und auch die Athleten selbst. Nach über einem Jahr sozialer Isolation haben wir uns alle Zeit genommen, innezuhalten und jeden Aspekt unseres Lebens neu zu bewerten. Die Olympioniken zeigen, dass sie nicht anders sind.

Da ist zum Beispiel Simone Biles. Die derzeit beste Turnerin – manche sagen, die beste Turnerin aller Zeiten – setzt sich in einem öffentlichem und kraftvollem Akt selbst Grenzen. Nach dem ersten Gerät beschloss sie, sich von den olympischen Wettkämpfen zurückzuziehen. Sie sorgte sich nicht nur um ihr körperliches Wohlbefinden, sondern auch um ihren mentalen, ihren geistigen Zustand. Sie erklärte, „Körper und Geist nicht in Einklang zu haben“.

Athleten werden in der Regel als Aushängeschild für Stärke angesehen. Die Olympischen Spiele sind eine Bühne, auf der die Stärksten antreten müssen. Mit ihrer Entscheidung definiert Simone Biles neu, was es bedeutet, stark zu sein. Unsere Körper senden uns ständig Botschaften darüber, wie wir uns gerade fühlen, und ihre Entscheidung ist eine Mahnung an uns alle – ob Sportler oder nicht – uns einen Moment Zeit zu nehmen und zuzuhören.

Wenn wir uns die Zeit nehmen, uns um uns selbst zu kümmern, können wir die beste Version von uns selbst finden und für diejenigen da sein, die uns wichtig sind. Als sie sich bereit fühlte, konnte Biles nach ein paar Tagen in den Wettkampf zurückkehren und eine weitere olympische Medaille mit nach Hause nehmen

Achtsames Stricken ist jetzt olympisch

Der britische Turmspringer Tom Daley hat bei den diesjährigen Olympischen Spielen zwar eine Goldmedaille gewonnen, machte aber ein zweites Mal Schlagzeilen mit dem, was er auf der Tribüne und nicht auf dem Sprungturm tat. Er schloss sich der neuen Generation von Sportlern an, die sich nicht scheuen, ihre geistige Gesundheit in den Vordergrund zu stellen. Er saß auf der Tribüne und strickte. „Eine Sache, die mich während dieses ganzen Prozesses bei Verstand gehalten hat, ist meine Liebe zum Stricken.“

Daley begann vor einigen Jahren, Achtsamkeit und Meditation zu praktizieren. In einem Interview sagte er, dass er anfangs skeptisch war, aber dass das Meditieren jetzt ein fester Bestandteil sei, der helfe, Ängste abzubauen und die Konzentration zu steigern. Er sagt, dass es beruhigend ist, „einfach nur dazusitzen und Zeit für sich selbst zu haben und zu wissen, dass über all den Gedanken, die wie Wolken in deinem Kopf herumschwirren, immer ein blauer Himmel ist“.

Das Zusammenspiel von Achtsamkeit und Leistung

Achtsamkeit trainiert, den Geist ein einen Zustand der Aufmerksamkeit und Ruhe zu versetzten. Dieser Zustand ist ideal, um Spitzenleistungen abzurufen. Darüber hinaus lässt Achtsamkeit einen Zustand zu, den wir als Flow kennen. In einem Zustand von Achtsamkeit, also die Aufmerksamkeit voll und ganz im aktuellen Moment, begünstigt dies den Flow. Flow – bei Langstreckenläufern auch in der Form des Runners High bekannt – kann zu erhöhten Leistungen beitragen.

Novak Djokovic – die Nummer 1 der Tenniswelt in den letzten Jahren – ist eines der bekanntesten Beispiele für das Interesse an Achtsamkeit und Meditation im Leistungssport. Einen Großteil seiner mentalen Stärke führt er auf regelmäßiges und konsequentes Achtsamkeitstraining zurück.

Wirkmechanismen von Achtsamkeit im Leistungssport

In der sportpsychologischen Literatur wurden drei mögliche Wirkmechanismen diskutiert, wie ein Training der Achtsamkeit die Leistung im Spitzensport beeinflussen könnte.

  1. Es wird vermutet, dass das Training der Achtsamkeit die Entstehung von Flow begünstigt, der als ein Zustand der optimalen Leistungsfähigkeit gilt.
  2. Weiter wird angenommen, dass das Training der Achtsamkeit die Konzentrationsleistungsfähigkeit verbessert. Vor allem bezüglich der Regulation und der Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit auf die aufgabenrelevanten Aspekte des Sports über einen gewissen Zeitraum hinweg.
  3. Es wird gemutmaßt, dass das Training der Achtsamkeit die Emotionsregulation beeinflusst, so dass negative Emotionen und Gedanken effektiver verarbeitet werden.

Achtsamkeit und Flow

Achtsamkeit und Flow haben einiges gemeinsam. Beide teilen die Betonung auf die geistige Präsenz im augenblicklichen Moment und eine Art „selbstvergessene“ Konzentration auf die bevorstehende Aufgabe.

Empirische Studien belegen den Zusammenhang: Eliteschwimmern im französischen Nationalteam, bei Bogenschützen und Golfern, sowie bei Ruderern und Läufern stellte man stets fest: Je größer die Fähigkeit zur Achtsamkeit, desto mehr Flow erleben die Sportler. Die begründete Hoffnung: Achtsamkeitstraining ermöglicht Flow-Erleben. Und Flow optimiert die Leistung.

Achtsamkeit und Konzentration

Wie dargestellt, ist die Regulation der Aufmerksamkeit ein Kennzeichen der Achtsamkeit. Die meisten praktischen Übungen der Achtsamkeit zielen auf das Lenken der Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte wie den eigenen Atem oder die augenblickliche Präsenz.

Dass Achtsamkeits-Trainings die Aufmerksamkeit und die Konzentration fördern, ist fast schon ein alter Hut. Im Kontext außerhalb des Sports konnte schon lange gezeigt werden, dass ein achtsamkeitsbasiertes Training zu Verbesserungen der selektiven Aufmerksamkeit, der anhaltenden Aufmerksamkeit, der orientierenden Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitsflexibilität führt.

Vermutlich stellt die Verbesserung der unterschiedlichen Arten von Aufmerksamkeit auch einen wichtigen Wirkmechanismus im Zusammenspiel von Achtsamkeit und sportlicher Leistung dar. Vertiefte empirische Studien müssen das noch zeigen. Lediglich Aussagen von Athleten in Einzelfallstudien lassen bereits jetzt vermuten, dass das achtsamkeitsbasierte Training zu Verbesserungen der Konzentrationsfähigkeit im Sport mit Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit führt.

Achtsamkeit und Emotionen

Der Einfluss von Emotionen auf die Leistungsfähigkeit im Sport ist schon lange Thema der sportpsychologischen Forschung. Vor allem die negativen Emotionen standen lange im Fokus der Forschung, während die positiven Emotionen erst in den letzten zwei Jahrzehnten häufiger untersucht wurden.

Im Allgemeinen scheinen die negativen Emotionen einen negativen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit im Sport zu haben. Die positiven Emotionen stehen mit einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit in Verbindung.

Vor allem außerhalb des Sportkontextes zeigt eine Fülle von Studien, dass ein Achtsamkeitstraining positive Emotionen fördert und das Ausmaß von negativen Emotionen verringert. Auch im Sportkontext gibt es erste Hinweise auf solche Effekte. So wurde beispielsweise demonstriert, dass das Training der Achtsamkeit zur Reduktion der Wettkampfangst führen kann. Auch hier wird jedoch noch weitere Forschung benötigt.

Achtsamkeit in Teams

Alle bisherigen Beispiele zielten auf die individuelle Auswirkung von Achtsamkeits-Trainings auf Leistung. Wie sieht es aber auf den Einfluss auf Teams aus? Gibt es auch da diesen Zusammenhang?

Hier ist die Beobachtung von Phil Jackson bekannt. Er ist als Basketball-Trainer elfmaliger Gewinner der NBA-Meisterschaften. Er hat beobachtet:

„Wenn Spieler in Achtsamkeits-Praxis geübt sind – die Aufmerksamkeit einfach auf das zu richten, was gerade passiert –, spielen sie nicht nur besser und gewinnen mehr. Sondern sie sind auch besser aufeinander eingestimmt.“ Das ist ein starker Hinweis auf die Wirkung von Achtsamkeit auf das Zusammenspiel, auf das Funktionieren eines Teams.

Letztendlich erscheint Achtsamkeit als eine Art Fundament. Auf diesem Fundament lassen sich Leistungen aufbauen. Und es ist ebenfalls ein Fundament für einen guten Umgang mit sich, seinem Körper und eigenen oder fremden Leistungserwarten, so dass daraus auch Signale kommen, sich zurückzunehmen, wie im Fall von Simon Biles.

Achtsamkeit als fundamentale Kompetenz kann also beides bewirken: Spitzenleistung und das Erkennen, Leistung auch verweigern zu können im Sinne einer selbstfürsorgenden eigenen Entscheidung. Beides ist möglich. Beides ist wichtig.

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