Jenseits des Denkens – Rechte Sammlung

Jenseits des Denkens

Jenseits des Denkens – Rechte Sammlung

Jenseits des Denkens. Das klingt in unserer rationalen Welt und für uns aufgeklärte Menschen (Descartes: »Ich denke, also bin ich.«) nach einem Ort außerhalb der Welt. Irgendwo im Unwirklichen. Und genau das ist ein Trugschluss. Jenseits des Denkens ist in Mitten unserer Wirklichkeit. Aber der Reihe nach.

Einmal, als der Zen-Schüler Yakusan Zazen (Zazen steht im Zen für die Übung der Meditation im Sitzen) praktizierte, fragte ihn der alte Zen-Meister Sekito:

»Was machst du?«
Yakusan antwortete: »Ich mache nichts.«
Sekito fragt nach: »Weswegen sitzt du also?«
»Wegen nichts«, erwiderte Yakusan.
Sekito ließ nicht nach: »Aber was ist etwas machen, was ist nichts machen?«
Yakusan antwortete: »Selbst zehntausend Weise können es nicht erklären.«

Rechte Sammlung

Ein wesentliches Element auf dem Zen-Weg – neben zum Beispiel Achtsamkeit – ist Rechte Sammlung, Versenkung des Geistes oder auch rechte Meditation und Zazen. Wir üben dabei, unseren Geist auf ein Objekt konzentriert zu halten, zum Beispiel den Atem. Es mag am Anfang des Weges noch schwierig sein, doch mit zunehmender Praxis öffnet sich eine ganz neue Dimension der Versenkung.

Zu Beginn unserer Praxis des Zazen, der Zen-Meditation, wenn wir uns also hinsetzen. Dann fangen wir in der Regel an, zunächst ohne uns dessen bewusst zu sein, über irgendetwas nachzudenken. Zum Beispiel über das aktuelle Projekt, über den neuen Chef, über den enormen Arbeitsdruck, die neue Freundin oder Freund, einen Film, ans Abendessen, oder wir denken vielleicht darüber nach, ob wir denn nun richtig Zazen machen oder nicht.

Vielleicht fällt uns auch irgendein berühmter Ausspruch eines Meisters ein, oder wir grübeln darüber nach, wieviel Zeit denn nun schon im Zazen vergangen sei.

Wenn wir dies tun, denken wir aber und praktizieren nicht mehr Zazen. Wir sind getrennt von unserer Meditation, getrennt von der Wirklichkeit, von unserer Lebenswirklichkeit, getrennt vom Sein, getrennt von der Wahrheit, getrennt von der Welt. Denn wir sind in Gedanken.

Das Denken beiseite lassen

Daher ist es entscheidend, dass wir, sobald wir merken, dass wir von Zazen abgekommen sind, wieder mit unserem ganzen Wesen zurückkehren zur Zazen-Haltung und unsere Gedanken loslassen. Zu Zazen zurückzukehren bedeutet also nicht zu denken: »Ich mache Zazen, ich bin mir dessen bewusst«. Sondern wir lassen das Denken einfach beiseite und sitzen einfach nur.

Zazen ist eine Handlung, und immer wieder zu dieser zurückzukommen, ist es worauf es beim Zazen ankommt. Wenn wir uns in Gedanken verlieren, fällt uns in der Regel der Kopf etwas nach vorne, oder wir greifen unsere Hände nicht mehr richtig. Wenn wir dies merken, korrigieren wir einfach die Haltung und kehren zur korrekten Zazen-Haltung zurück. Das ist alles.

Gedanken sind nicht Wirklichkeit

Im Zazen kommen wir also immer wieder zu Zazen, zu unserer Lebenswirklichkeit, zurück. So können wir intuitiv verstehen, dass unsere Gedanken eben nur Gedanken sind, die meist zufällig entstehen und keine wirkliche Grundlage, keine Substanz besitzen. Sie sind nicht Wirklichkeit.

Diese Gedanken sind nicht als etwas Negatives zu betrachten, aber man muss deren wahren Wert sehen. Es sind lediglich Absonderungen unserer Hirnrinde, es ist also nicht notwendig, diesen blindlings zu folgen und uns in sie verstricken zu lassen.

Dies wird oft missverstanden, und so ist die Idee, Zazen würde bedeuten gar nicht mehr zu denken – keine Gedanken mehr zu haben, weit verbreitet. Dem ist aber ganz und gar nicht so. Da dieser Punkt sehr wichtig ist, will ich an dieser Stelle kurz auf eine bekannte Begegnung zwischen Meister Yakusan und einem Mönch eingehen:

Meister Yakusan machte gerade Zazen, als ein Mönch kam und ihn fragte:

»Was denkt Ihr während Zazen?«
Yakusan antwortete: »Ich denke aus dem tiefen Grund des Nicht-Denkens.«
Darauf fragte der Mönch weiter: »Wie kann man aus dem tiefen Grund des NichtDenkens denken?«,
und Meister Yakusan antwortete: »Jenseits des Denkens.«

Hishiryo – Der Geist jenseits des Denkens

Dies wird in der Zen-Praxis »Hishiryo-Geist« genannt (»Der Geist jenseits des Denkens«) und dies ist Zazen. Hishiryo bedeutet mit seinem ganzen Wesen jenseits des Denkens und des Nicht-Denkens einfach Zazen zu praktizieren. Es ist also weder Denken noch Nicht-Denken sondern geht weit über beides hinaus – Zazen ist ein wirkliches Tun.

Dies bedeutet völlig im Hier und Jetzt zu sitzen, ohne sich um den Zustand seines Geistes zu kümmern. Wir versuchen weder die Gedanken anzuhalten, noch versuchen wir herauszufinden, wo diese herkommen.

Auch folgen wir den Gedanken nicht, sondern kommen einfach immer wieder zu unserer Lebenswirklichkeit, zu Zazen zurück. Es ist hierbei wichtig, die Gedanken nicht als etwas Konkretes zu behandeln, sondern diesen einfach keine weitere Beachtung zu schenken. Wir sitzen »jenseits des Denkens«, inmitten der Gedanken.

Die Gedanken anhalten zu wollen ist nicht nur falsch, sondern schlichtweg absurd. Wer seine Gedanken willentlich unterdrückt, wird hiervon höchstens krank, aber mit Zazen hat das absolut nichts zu tun. Sobald Gedanken aufsteigen, ist es richtig diesen nicht weiter zu folgen. Dann vergehen diese von alleine. Aber auf keinen Fall dürfen wir während Zazen das Aufsteigen der Gedanken verhindern oder unterdrücken wollen.

Ganz im Gegenteil: Wir sollten während Zazen alles frei aufsteigen lassen, egal was es ist – ohne zu zensieren oder zu bewerten.

Kein gutes und schlechtes, ruhiges oder unruhiges Zazen

Auch ist unser Zazen nicht nur dann gut, wenn wir einen klaren Geist haben. Denn es ist die Natur unseres Gehirns, dass wir Gedanken haben und uns manchmal von diesen ablenken lassen. Der entscheidende Punkt liegt darin, dies rechtzeitig zu merken, und immer wieder zur Wirklichkeit, zu Zazen aufzuwachen.

Auch kann es passieren, dass wir schläfrig sind und vor uns hindösen. Hier ist es ebenfalls notwendig aufzuwachen, und mit Körper und Geist zur Zazen-Wirklichkeit zurückzukehren. Es ist weder notwendig noch hilfreich, sich während Zazen darüber zu ärgern, dass man sich nicht konzentrieren kann oder nicht gut sitzt. Ganz im Gegenteil ist es am besten dies einfach zu akzeptieren. Wir sollten nicht zwischen ruhigem und unruhigem Zazen unterscheiden, denn beide sind lediglich verschiedene Seiten ein und derselben Sache.

Anfang und Ende der Zazen-Praxis ist es, die richtige Haltung einzunehmen, diese beizubehalten und einfach mit dem ganzen Sein zu sitzen. Während Zazen sollten wir einfach alles vergessen – jede Unterweisung, jedes Konzept, jede Geisteshaltung, jede Zazen-Anleitung.

»Wenn dein Geist leer ist, ist er immer bereit für etwas; er ist offen für alles. Im Anfängergeist gibt es viele Möglichkeiten und Chancen aber im Expertengeist gibt es nur wenige. Ein Geist, der schon voll ist, kann nichts Neues aufnehmen!«
Shumryu Suzuki

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