Meditation und Achtsamkeit sind nicht das Gleiche

Meditation und Achtsamkeit
Meditation und Achtsamkeit sind nicht dasselbe

Meditation und Achtsamkeit stehen in einem Zusammenhang. Sie werden oft auch im gleichen Kontext und von vielen sogar synonym verwendet. Dennoch: Meditation und Achtsamkeit sind nicht das Gleiche. Gerade die Verwendung des Begriffs Achtsamkeit ist so weit gefächert. Viele wollen die damit verbundenen positiven Zuschreibungen, vielleicht auch eine gewisse Magie, mit eigenem Verhalten, eigenen Angeboten oder Produkten verbinden.

Für Menschen, die mit der Meditation oder einem achtsamen Leben beginnen und bei Null anfangen wollen, kann dies verwirrend sein.

Meditation und Achtsamkeit sind zwar miteinander verbunden, und unterscheiden sich dennoch fundamental. Ein grundlegendes Verständnis der Unterschiede zwischen diesen beiden Konzepten kann dabei helfen, beides in einer eigenen Praxis zu integrieren, so dass sich beide ergänzen.

Achtsamkeit ist eine Qualität – Meditation ist eine Praxis

Für mehr Klarheit zum Unterschied zwischen Meditation und Achtsamkeit ist es sinnvoll, sich einige Definitionen für die beiden Begriffe anzusehen. Jon Kabat-Zinn, einer der populärsten westlichen Autoren zu diesem Thema und Schöpfer des Programms zur achtsamkeitsbasierten Stressreduzierung (MBSR), definiert Achtsamkeit als „das Gewahrsein, das durch absichtliche Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Augenblick entsteht, ohne zu urteilen“.

Im Unterschied dazu fanden zwei Wissenschaftler eine Definition für Meditation: „Meditation ist eine Praxis, bei der eine Person eine Übung anwendet – wie Achtsamkeit oder Fokussierung des Geistes auf ein bestimmtes Objekt, einen Gedanken oder eine Tätigkeit -, um Aufmerksamkeit und Gewahrsein zu schulen und einen geistig klaren und emotional ruhigen und stabilen Zustand zu erreichen“ (Walsh und Shapiro, 2006).

Während Kabat-Zinns Definition eine Art und Weise beschreibt, wie man mit sich selbst und seiner Umwelt umgeht, definieren Walsh und Shapiro eine formale Praxis, die dazu dient, den eigenen Geisteszustand zu verändern oder zu fördern.

Es gibt zwar viele Definitionen für jedes Konzept, aber die Unterschiede sind bei diesen beiden offensichtlich. Meditation ist eine Praxis, und durch diese Praxis kann man verschiedene Qualitäten entwickeln, darunter auch Achtsamkeit.

Achtsamkeit beschreibt eine bestimmte Art zu leben, die durch Übung kultiviert werden kann. Es gibt eine Reihe von meditativen Praktiken, die als „Achtsamkeitsmeditation“ bezeichnet werden und die dem Praktizierenden helfen, mit Achtsamkeit zu leben und zu handeln. Aber wie wir sehen werden, gibt es viele Kategorien meditativer Praxis, von denen die Achtsamkeitsmeditation nur eine ist.

Meditation ist einer von vielen Wegen zu einem achtsamen Leben

Meditation ist eine Methode, durch die jemand lernen kann, achtsam zu leben. Wir können Meditation auch als ein Werkzeug oder eine Übung betrachten, um Achtsamkeit zu entwickeln.

Meditation hat sich als äußerst wirksam erwiesen, wenn es darum geht, den Menschen zu helfen, ihre täglichen Erfahrungen achtsamer zu gestalten. Wer zum Beispiel systematisch und diszipliniert Meditation praktiziert, ist eher in der Lage, im Alltag achtsam zu handeln.

Meditation ist ein Weg, die Saat der Achtsamkeit zu säen und sie zu bewässern, damit sie im Laufe unseres Lebens wächst.

Obwohl die Meditation für diesen Zweck sehr wirksam ist, ist sie nur eine der Möglichkeiten, Achtsamkeit zu kultivieren, wie wir später sehen werden.

Achtsamkeit kann auch in Interventionen eingesetzt werden, ohne Meditation

Achtsamkeit ist eine Eigenschaft, die mit vielen Vorteilen für die psychische Gesundheit und anderen positiven Eigenschaften wie Selbstwertgefühl und Selbstakzeptanz in Verbindung gebracht wird.

Aus diesen Gründen betrachten viele Experten ein achtsames Leben als ein lohnendes Ziel für ihre Ratsuchenden. Allerdings sind nicht alle Klienten für Meditation empfänglich oder bereit, eine formale Praxis in ihren Alltag zu integrieren. Wenn sie schwer Zugang zu formalen Übungen – wie die Meditation – haben, dann gibt es eine Reihe informeller Achtsamkeitsübungen.

Meiner Erfahrung nach kann man sein Leben durchaus mit solchen wenig formalen Achtsamkeitsübungen verändern. Eine große Tiefe, wirkliche Transformation wird nur erreicht werden, wenn diese informellen Achtsamkeitsübungen an eine formale Praxis der Meditation angebunden sind. Die Meditation (formale Praxis) ist quasi ein Fundament, auf der informelle Achtsamkeitsübungen sicher und fest stehen können.

Achtsamkeit kann formell und informell praktiziert werden

Meditieren scheint eine paradoxe Sache zu sein, denn es ist eine Übung des „Nicht-Tuns“, so sieht es zumindest von außen aus. Im Allgemeinen geht es darum, zuerst ein Beobachter der eigenen inneren Welt zu werden, sich nur minimal anzustrengen und eine Haltung der Nichtbeurteilung einzunehmen. Später wird es dann auch darum gehen – zumindest im Zen – diesen Beobachterstatus aufzugeben.

Diese Eigenschaften stehen im Gegensatz zu der Art und Weise, wie viele von uns ihr Leben leben: Wir streben danach, voranzukommen, und geben der Arbeit, Aktivität, dem Tun den Vorrang vor der Ruhe und einem Anhalten und Innehalten. Es ist mehr ein Leben hin zu einer vorgestellten oder angestrebten Zukunft. Nicht ein Leben im Jetzt mit der Wahrnehmung dessen, was jetzt gerade ist.

Die formale Meditation, bei der wir eine bestimmte Zeit lang sitzen, kann uns ein zur Seite Treten aus dieser Ausrichtung auf Zukunft geben. Und so den Blick auf die Gegenwart, auf den jetzigen Moment legen, mit all dem was jetzt gerade ist, jetzt im Moment an Fülle vorhanden ist. Leben und Handeln findet immer (nur) im Jetzt statt. Niemals in der Zukunft und schon gar nicht in der Vergangenheit.

Trotz ihrer vielen Vorzüge möchte nicht jeder die Meditation als eine formelle Achtsamkeitspraxis durchführen. Vielleicht möchten diese Menschen aber dennoch in ihrem Alltag achtsamer sein. Glücklicherweise gibt es viele informelle Möglichkeiten, Achtsamkeit zu praktizieren, wie zum Beispiel achtsames Essen, achtsames Gehen oder sogar achtsame Gespräche. Informell Achtsamkeit zu praktizieren bedeutet, alltägliche Aktivitäten mit der Absicht zu unternehmen, bewusst zu sein, im Augenblick und wertende Urteile nicht vorschnell zuzulassen.

Meine Einschränkung, dass mit informellen Achtsamkeitsübungen, die nicht an eine formale Praxis angebunden sind, längerfristig nicht die gleiche Tiefe und Transformation erreicht werden, halte ich dabei aufrecht. Auch wenn ich jeden, der sich diesen Achtsamkeitspraktiken nähern will, ohne sich auf Meditation einzulassen, ermutigen möchte, diesen Weg einzuschlagen. Manchmal ist es dann der zweite oder dritte Schritt, der dann zu einer formalen Meditationspraxis führt.

Achtsamkeit ist nur ein Aspekt der Meditation

Achtsamkeit ist ein wichtiger Teil der Meditationspraxis, neben anderen Qualitäten, die in der Meditation eine Rolle spielen. Meditation kann ebenso auf Aufmerksamkeit ausgerichtet sein. Die Aufmerksamkeit ist sehr oft der Einstieg in die Meditation. Möchte man doch erreichen, das Wandern der Gedanken besser zu kontrollieren, um im Moment bleiben zu können. So kann es besser gelingen, sich die innere „Schneekugel“ beruhigen zu lassen und einen klareren Blick auf sich und die aktuelle Situation zu ermöglichen. Konzentration und Fokus sind Varianten – oder Perspektiven – dieser Aufmerksamkeitsschulung.

Eine andere Qualität von Meditation ist die Qualität eines offenen Gewahrseins. Also alles das wahrzunehmen, was dieser Augenblick – jetzt – im Innen und Außen bereithält. Voll und ganz einzutauchen oder aufzugehen in der Gegenwart. Das kann ein tiefes Berührtsein oder auch intensive Erfahrungen, vielleicht auch Erkenntnisse bereithalten.

Um dieses offene Gewahrsein aufrecht zu halten, wird eine gut geschulte Aufmerksamkeit, insbesondere das Halten von Aufmerksamkeit, eine hilfreiche Unterstützung sein. Das offene Gewahrsein ist dabei sehr „aus- oder angefüllt“ mit Achtsamkeit.

Eine weitere Qualität in der Meditation – und dies hier ist keine abschließende Aufzählung – ist das Mitgefühl. Mitgefühl ist zu unterscheiden von Mitleid oder Mitleiden. Das Erkennen von emotionalen Zuständen bei anderen – Empathie – ist natürlich eine wichtige und wertvolle Fähigkeit. Es umfasst die ganze Bandbreite von Gefühlszuständen, also von Mit-Leid bis zu Mit-Freude. Empathie spielt für uns als soziales Wesen im ständigen Umgang mit anderen eine große Rolle.

Dies Empathie ist zu unterscheiden von Mitgefühl. Mitgefühl ist mehr ein Zustand der Fürsorge, Verbundenheit, Zuneigung. Empathie und Mitgefühl, das lässt sich neuronal im Gehirn zeigen, sind zwei völlig unterschiedliche Netzwerke.

Bei einer ausgeprägten Empathie besteht die Gefahr so stark in das Leid eines anderen einzutauchen, dass man von empathischem Stress spricht. In vielen Pflegeberufen ist das eine große Gefahr. Schult man hingegen Mitgefühl, so stärkt man die Fähigkeit der Fürsorge und bleibt in der eigenen Kraft, kann auch agieren und helfen, ohne vom Leid überwältigt zu werden, wie es bei reiner Empathie passieren kann. Diese Qualität des Mitgefühls ist eine klassische Qualität in der Meditation. Mitgefühl bezieht sich dabei nicht nur auf andere, sondern mit der Übung von Selbst-Mitgefühl auch auf sich selbst.

Meditation und Achtsamkeit

Meditation und Achtsamkeit sind also nicht dasselbe. Es lohnt, sich des Unterschieds bewusst zu sein, um das volle Potenzial sowohl von Mediation als auch von Achtsamkeit zu erschließen.

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