Meta-Awareness. Du liest ein spannendes Buch. Bist vollkommen darin vertieft. Irgendwann hörst du die Geräusche im Raum nicht mehr. Du bemerkst nicht, wie du sitzt. Vielleicht hast du sogar vergessen, dass du gerade liest. Du bist einfach mitten in der Geschichte.
Dann hebst du für einen Moment den Kopf. Du hörst wieder den Regen am Fenster. Du spürst deine Füße auf dem Boden. Du bemerkst den Raum um dich herum.
Und vielleicht diesen kleinen Moment des Erstaunens:
Ich war gerade völlig weg.
Was ist da passiert?
Und ist es eigentlich gut, so vollständig in etwas aufzugehen?
Müssen wir uns verlieren, um ganz bei einer Sache zu sein?
Wir kennen solche Momente aus ganz unterschiedlichen Situationen.
Wir schauen einen spannenden Film. Wir arbeiten konzentriert an einer Aufgabe. Wir führen ein intensives Gespräch. Wir musizieren, laufen, klettern oder schreiben. Die Aufmerksamkeit richtet sich immer stärker auf das, was wir gerade tun. Alles andere tritt zurück.
Manchmal nennen wir solche Erfahrungen Flow.
Und meistens bewerten wir sie positiv. Endlich keine Ablenkung. Kein ständiges Springen der Gedanken. Wir sind ganz bei der Sache.
Aber eine interessante Frage bleibt:
Tiefe Konzentration verengt unsere Aufmerksamkeit. Aber muss sie auch unser Bewusstsein verengen?
Cortland Dahl und der Neurowissenschaftler Richard Davidson unterscheiden in einem Gespräch des Dharma Lab zwischen „experiential fusion“, Erlebnis-Verschmelzung, und „meta-awareness“, also ein Meta-Gewahrsein oder Meta-Bewusstheit.
Mit Erlebnisverschmelzung meinen sie einen Zustand, in dem wir so vollständig in Gedanken, Wahrnehmungen oder einer Tätigkeit aufgehen, dass uns kaum noch bewusst ist, was gerade mit uns geschieht.
Das kann angenehm sein.
Aber nicht immer.
Vom Grübeln bis zum völligen Aufgehen
Erlebnisverschmelzung kann sehr unterschiedlich aussehen.
Wir können in einem Film aufgehen, uns in einem Roman verlieren oder vollständig von einer Tätigkeit absorbiert sein.
Wir können uns aber genauso in unseren Gedanken verlieren.
Dann grübeln wir beispielsweise über ein Gespräch vom Vortag nach. Ein Gedanke führt zum nächsten. Wir spielen Situationen wieder und wieder durch. Ärgern uns. Rechtfertigen uns. Stellen uns vor, was andere möglicherweise über uns denken.
Auch hier kann unser Erleben vollständig von einem Inhalt eingenommen sein.
Nur fühlt sie sich nicht gut an.
Der gemeinsame Punkt ist also nicht, ob das Erleben angenehm oder unangenehm ist.
Der gemeinsame Punkt ist:
Wir sind so sehr mit dem Inhalt unseres Erlebens verschmolzen, dass die Wahrnehmung dafür verloren geht, dass und wie unser Geist gerade arbeitet.
Genau hier beginnt Meta-Awareness.
Meta-Awareness: Wissen, was der eigene Geist gerade tut
Davidson beschreibt Meta-Bewusstheit sehr einfach:
„Zu wissen, was unser Geist gerade tut.“
Das klingt zunächst unspektakulär.
Tatsächlich steckt darin aber etwas Grundlegendes.
Denn erst wenn ich bemerke, dass ich grüble, entsteht überhaupt die Möglichkeit, mich davon zu lösen.
Erst wenn ich bemerke, dass Ärger in mir aufsteigt, kann ich entscheiden, ob ich ihm unmittelbar folge.
Erst wenn ich bemerke, dass meine Aufmerksamkeit eng und angespannt wird, kann ich sie wieder öffnen.
Dahl und Davidson formulieren einen Satz, der weit über Meditation hinausweist:
Es ist sehr schwierig, unseren Geist zu verändern, wenn wir nicht wahrnehmen, was in unserem Geist geschieht.
Wahrnehmen kann diesen Raum schaffen.
Und in diesem Raum entsteht Möglichkeit.
Fokus im Zentrum – Gewahrsein an den Rändern
Meta-Awareness, Meta-Bewusstheit bedeutet allerdings nicht, sich permanent selbst zu beobachten.
Das wäre eher störend.
Wer während eines Gesprächs ständig denkt: „Jetzt höre ich zu. Jetzt spreche ich. Jetzt spüre ich meinen Atem“, ist vermutlich nicht besonders präsent.
Davidson benutzt dafür ein schönes Bild: eine Art Halbschatten des Bewusstseins.
Der Fokus kann vollständig bei der Tätigkeit bleiben.
Und gleichzeitig bleibt am Rand des Bewusstseins etwas vom Kontext, der Situation verfügbar.
Der Körper.
Der Raum.
Die eigene innere Reaktion.
Die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit wieder zu lösen.
Man könnte sagen:
„Fokus im Zentrum – Gewahrsein an den Rändern.“
Oder:
Vertiefung ohne vollständige Verengung des Bewusstseinsfeldes.
Damit wird auch Meta-Bewusstheit mit Flow vereinbar.
Ich muss mich vielleicht gar nicht vollständig verlieren, um ganz in einer Tätigkeit aufzugehen.
Die entscheidende Frage könnte vielmehr sein:
Wie tief kann ich mich auf etwas einlassen und gleichzeitig die Fähigkeit behalten, wahrzunehmen, umzuschalten und mich wieder zu lösen?
Meta-Bewusstheit könnte uns flexibler machen.
Wir können uns einer Tätigkeit vollständig zuwenden – und uns wieder davon lösen.
Wir können auf einen Reiz unmittelbar reagieren, wenn es notwendig ist.
Wir können aber auch bemerken, was gerade in uns geschieht, und bewusst antworten, wenn die Situation diese Möglichkeit lässt.
Zwischen Reiz und Reaktion entsteht etwas mehr Raum.
Nicht immer.
Aber vielleicht öfter.
Und was bedeutet das für die Zen-Meditation?
Gerade hier wird der Gedanke für die Zen-Praxis interessant.
Beim Zazen geht es nicht darum, Gedanken mit Gewalt auszuschalten. Und auch konzentrierte Aufmerksamkeit ist nicht das Ende der Praxis.
Wir sitzen.
Wir atmen.
Wir spüren den Körper.
Geräusche kommen und gehen.
Gedanken tauchen auf und verschwinden wieder.
Manchmal merken wir, dass wir längst einer Geschichte gefolgt sind. Wir planen, erinnern, diskutieren oder fantasieren – und irgendwann erkennen wir:
Ich war gerade völlig darin verschwunden.
Dieser Moment ist wesentlich.
Nicht weil der Gedanke falsch war.
Sondern weil wieder Bewusstheit da ist.
Wir kehren zurück.
Zum Körper.
Zum Atem.
Zum Sitzen.
Und vielleicht mit zunehmender Praxis nicht nur zu einem einzelnen Objekt der Aufmerksamkeit, sondern zu einem weiteren Feld des Gewahrseins.
Der Atem ist da.
Der Körper ist da.
Das Geräusch draußen ist da.
Ein Gedanke ist da.
Und nichts davon muss festgehalten werden.
Vielleicht lässt sich Zen-Praxis deshalb auch als die Übung verstehen, Vertiefung und Weite gleichzeitig zuzulassen.
Nicht zerstreut.
Nicht eng.
Wach.
Eine kleine Übung für den Alltag
Dafür braucht es nicht immer das Meditationskissen.
Während du diese Zeilen liest, kannst du es ausprobieren.
Bleibe mit deiner Aufmerksamkeit beim Text.
Und spüre gleichzeitig deine Füße auf dem Boden.
Nimm den Kontakt des Körpers mit dem Stuhl wahr.
Vielleicht ein Geräusch im Raum.
Vielleicht deinen Atem.
Du musst nichts analysieren.
Nur für einen Moment das Bewusstseinsfeld etwas weiter werden lassen.
Die Aufmerksamkeit bleibt beim Lesen.
Aber darüber hinaus bleibt noch etwas anderes verfügbar.
Fokus im Zentrum – Gewahrsein an den Rändern.
Vielleicht besteht Präsenz nicht darin, sich in einer Sache zu verlieren.
Vielleicht bedeutet ganz da zu sein etwas anderes:
Sich vollständig einzulassen – ohne die Weite des Gewahrseins zu verlieren.
