Anfangen und beginnen: nicht steckenbleiben

Anfangen und beginnen. Zwei Händer bearbeiten den Boden, entfernen Unkraut und Steine, haben angefangen, sind ins Tun gekommen, haben begonnen, den Boden urbar zu machen und ihn für Veränderungen vorzubereiten.

Anfangen und beginnen

Anfangen und beginnen. – Manchmal spüren wir sehr genau: So wie es gerade ist, so soll es nicht weitergehen. Nicht unbedingt dramatisch. Nicht unbedingt von außen sichtbar. Aber innerlich ist da ein Gefühl von Stillstand, Unzufriedenheit, vielleicht Unsicherheit.

Beruflich, in einer Beziehung, in einer Lebensphase, manchmal auch in der eigenen Übungspraxis. Etwas ist eng geworden. Etwas wiederholt sich. Etwas verliert an Stimmigkeit.

In einem Artikel von Anselm Grün in der ZEIT bin ich auf eine Unterscheidung gestoßen, die mich beschäftigt hat: die Unterscheidung zwischen anfangen und beginnen. Beide Wörter verwenden wir oft fast gleichbedeutend. Und doch eröffnen sie zwei unterschiedliche Perspektiven auf Veränderung.

Anfangen und beginnen

Anfangen hat sprachlich in seiner Wortherkunft mit anfassen, anpacken, ergreifen zu tun. Wer anfängt, nimmt etwas in die Hand. Er bleibt nicht nur beim Wünschen, Klagen oder Analysieren stehen. Er wird aktiv. Er übernimmt Verantwortung. Er ergreift eine Möglichkeit.

Das ist eine wichtige Seite jedes neuen Anfangs. Etwas in uns muss bereit sein zu sagen: Ich warte nicht mehr nur darauf, dass sich die Umstände ändern. Ich komme ins Tun. Ich mache den ersten Schritt.

Doch Anselm Grün verbindet mit dem Wort beginnen noch eine andere Bildwelt: nicht im engen sprachwissenschaftlichen Sinn, sondern als lebenspraktisches Bild. Beginnen heißt dann: etwas urbar machen. Einen Raum schaffen. Einen Boden bereiten. Disteln entfernen. Steine aus dem Weg räumen. Bedingungen schaffen, damit etwas wachsen kann.

Das gefällt mir. Denn Veränderung besteht nicht nur aus dem entschlossenen ersten Schritt. Sie besteht auch daraus, einen inneren und äußeren Raum so zu gestalten, dass Neues überhaupt entstehen kann.

So gesehen gehören anfangen und beginnen zusammen. Sie beschreiben zwei Seiten von Selbstwirksamkeit.

Anfangen heißt: Ich komme ins Tun.
Beginnen heißt: Ich gestalte den Boden, auf dem etwas wachsen kann.

Wir brauchen beides. Die Kraft, aktiv zu werden. Und die Intention, Bedingungen zu schaffen.

Welcher Weg ist stimmig?

Wenn wir an einer Schwelle stehen, ist oft nicht sofort klar, welcher Weg der richtige ist. Manchmal gibt es mehrere Möglichkeiten. Manchmal gibt es keine perfekte Lösung. Und fast immer gibt es Unsicherheit.

Die Wüstenväter der frühen christlichen Tradition haben sich intensiv mit inneren Bewegungen, Gedanken und Impulsen beschäftigt. Anselm Grün greift daraus ein Entscheidungsmodell auf: Ein Weg ist dann stimmig, wenn er zu mehr Lebendigkeit, Freiheit, Frieden und Liebe führt.

Für eine alltagsbezogene Praktikabilität würde ich diese vier Qualitäten etwas anders formulieren:

  • Lebendigkeit
  • Freiheit
  • Gelassenheit und Gleichmut
  • Selbst-Akzeptanz und Mitgefühl

Vier Qualitäten als Wegweiser

Diese vier Qualitäten können wie eine innere Prüffrage wirken.

Macht mich dieser Weg lebendiger?
Oder werde ich enger, stumpfer, resignierter?

Macht mich dieser Weg freier?
Oder werde ich stärker von Angst, Anpassung, Schuld, Trotz oder alten Mustern bestimmt?

Führt dieser Weg zu mehr Gelassenheit und Gleichmut?
Nicht im Sinne von Gleichgültigkeit, sondern im Sinne einer klareren inneren Haltung: Ich sehe, was ist, ohne mich sofort davon beherrschen zu lassen.

Fördert dieser Weg Selbst-Akzeptanz und Mitgefühl?
Werde ich mir selbst gegenüber wahrhaftiger und freundlicher? Entsteht mehr Mitgefühl mit anderen, mit dem Leben, mit dem Unvollkommenen?

Ein stimmiger Weg muss nicht der bequemste Weg sein. Er muss auch nicht angstfrei sein. Gerade an der Schwelle zu etwas Neuem ist Unsicherheit, vielleicht Angst, oft selbstverständlich.

Die Frage ist eher: Was liegt unter der Angst? Ist dort nur Enge und Druck? Oder gibt es darunter eine leisere Bewegung von Lebendigkeit, Freiheit, Gleichmut und Mitgefühl?

Was davon will jetzt anfangen und beginnen? Welche dieser Qualitäten wollen jetzt gelebt werden?

Zutrauen

Die eigene Geschichte neu sehen.

Manchmal braucht es für einen neuen Anfang nicht zuerst eine äußere Veränderung, sondern eine neue Sichtweise auf das eigene Leben. Die Psychologie spricht von Reframing: Etwas bekommt einen neuen Rahmen, eine neue Deutung. Oder der „Scheinwerfer“ auf eine Situation wird an eine andere Position gestellt und wir blicken dann aus anderer Perspektive darauf.

Das bedeutet nicht, die Vergangenheit schönzureden. Verletzungen bleiben Verletzungen. Versäumnisse bleiben Versäumnisse. Schwierigkeiten werden nicht dadurch kleiner, dass wir ihnen einen freundlicheren Namen geben.

Aber wir können fragen: Welche Bedeutung (!) gebe ich dem, was war, jetzt? – Wie gestalte ich jetzt meine Beziehung dazu?

Bin ich nur das Ergebnis meiner Geschichte? Oder kann ich aus dem, was mir mitgegeben wurde, etwas formen? – Wie erzähle ich mir meine Geschichte? – Wie könnte ich das noch tun, hilfreicher tun?

C. G. Jung wird sinngemäß der Gedanke zugeschrieben:

Entscheidend ist nicht allein, was das Leben aus uns gemacht hat, sondern was wir aus dem machen, was das Leben aus uns gemacht hat.

Dieses Bild ist stark. Wir können das Material unseres Lebens nicht beliebig austauschen. Manche Erfahrungen gehören zu uns. Manche Prägungen lassen sich nicht ungeschehen machen. Aber wir können lernen, mit diesem Material anders zu arbeiten, zu gestalten.

Würdigen, was war

Ein neuer Anfang, ein Beginnen gelingt selten, wenn wir das Alte nur wegstoßen. Oft braucht es zuerst Würdigung.

Was hat mich bis hierher getragen?
Was war gut, auch wenn es jetzt nicht mehr passt?
Was habe ich gelernt?
Wofür bin ich dankbar?
Was darf jetzt enden?

Wer wirklich neu beginnen will, muss manchmal auch trauern. Nicht dramatisch, aber ehrlich. Jede neue Lebensphase bedeutet, dass eine andere zu Ende geht. Jeder neue Weg bedeutet, dass andere Wege nicht gegangen werden.

Würdigung heißt nicht Festhalten. Würdigung heißt: Ich sehe, was war. Ich erkenne seinen Wert. Und ich lasse es an seinen Platz treten.

Erst dann entsteht Raum. Erst dann ergibt anfangen und beginnen Sinn.

Vertrauen und Zutrauen – dann anfangen und beginnen

Irgendwann kommt der Punkt, an dem eine Entscheidung getroffen werden muss. Danach beginnt eine andere Aufgabe: in Bewegung zu kommen; den gewählten Weg auch wirklich zu gehen.

Viele Menschen entscheiden sich — und prüfen dann täglich neu, ob die Entscheidung richtig war. Sie gehen los und bleiben innerlich doch am alten Ort. Sie rechnen zurück. Sie vergleichen. Sie zweifeln. Sie halten sich alle Hintertüren offen.

Vertrauen bedeutet nicht, zu wissen, dass alles gut ausgehen wird. Vertrauen bedeutet, bereit zu sein, den gewählten Weg wirklich zu gehen.

Hier passt ein Zitat von Václav Havel sehr gut:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – egal, wie es ausgeht.“

In diesem Sinn ist Hoffnung kein Optimismus. Sie ist eine Haltung.

Sie sagt nicht: Es wird leicht.
Sie sagt nicht: Es wird sicher gelingen.
Sie sagt: Dieser Weg ergibt Sinn. Deshalb gehe ich ihn.

Und damit sind wir wieder bei anfangen und beginnen.

Anfangen: Ich packe an. Ich nehme mein Leben in die Hand. Ich mache den ersten Schritt, den nächsten Schritt.

Beginnen: Ich bereite den Boden. Ich schaffe Raum. Ich gestalte Bedingungen, in denen Neues wachsen kann.

Nicht steckenbleiben heißt nicht, sich hektisch neu zu erfinden. Es heißt, ehrlich wahrzunehmen, wo Leben eng geworden ist. Es heißt, die eigene Geschichte neu zu sehen, das Gewesene zu würdigen, einen stimmigen Weg zu prüfen — und dann mit Vertrauen und Zutrauen kraftvoll loszugehen.

Veränderung beginnt genau dort:

wo wir nicht mehr nur warten,
sondern anfangen und beginnen.

Und wo wir nicht nur handeln,
sondern einen Raum schaffen,
in dem das Neue wirklich entstehen kann.

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