Entscheidungskriterien – Von den Wüstenvätern lernen

Fußspuren im feuchten Sand. Entscheidungskriterien - Von den Wüstenvätern lernen

Entscheidungskriterien – Von den Wüstenvätern lernen

Entscheidungskriterien – Wie und entlang welcher Kriterien treffen wir gute Entscheidungen? – Vor einigen Tagen las ich in der ZEIT einen Beitrag von Anselm Grün. Der Titel lautete: „Neubeginn: Wie findet man die Kraft, neu anzufangen?“

Ein Abschnitt blieb bei mir hängen.

Grün bezog sich darin auf die Wüstenväter des 4. Jahrhunderts, frühe christliche Mönche, die sich in die Einsamkeit der ägyptischen Wüste zurückzogen. Sie hätten, so schreibt er, vier Entscheidungsriterien entwickelt, die bei schwierigen Entscheidungen helfen können.

Der richtige Weg sei der, auf dem man mehr Lebendigkeit, Freiheit, Frieden und Liebe spüre.

Diese vier Begriffe wirkten sofort vertraut und nährten meine Neugier. Nicht, weil sie klassische Begriffe des Zen wären. Und auch nicht, weil Zen eine fertige Methode für „richtige“ Entscheidungen anbieten würde.

Vertraut wirkten sie, weil sie Fragen berühren, die in jeder ernsthaften Praxis auftauchen:

Was bindet mich?
Was macht mich eng?
Was ist nur Angst?
Was ist ein verständlicher, aber automatischer Impuls?
Und aus welcher Haltung heraus handle ich?

Gibt es im Zen richtige Entscheidungen? Und hilfreiche Entscheidungskriterien?

Zen gibt keine Garantie, dass wir immer die richtige Entscheidung treffen. Was immer auch „richtig“ bedeuten könnte.

Auch nach langem Sitzen können wir uns irren. Meditation macht uns nicht unfehlbar. Sie ersetzt weder Erfahrung noch Sachkenntnis, Gespräch oder sorgfältiges Abwägen.

Vielleicht liegt darin bereits ein wichtiger Punkt.

Häufig suchen wir bei schwierigen Entscheidungen nicht nur Orientierung. Wir suchen nach der letzten untrüglichen Gewissheit. Wir möchten mit Sicherheit wissen, dass unser Weg richtig ist und dass wir ihn später nicht bereuen werden.

Diese Sicherheit gibt es meistens nicht.

Zen kann jedoch helfen, deutlicher zu erkennen, aus welchem inneren Zustand wir entscheiden. Handeln wir aus Angst, Kränkung, Gier oder dem Wunsch nach Anerkennung? Oder sind wir in der Lage, die Situation etwas vollständiger wahrzunehmen?

Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur:

Welche Entscheidung ist richtig?

Sondern auch:

Wer oder was entscheidet gerade in mir?

Zuerst sitzen – nicht sofort handeln

Wenn eine Entscheidung drängt, gerät unser Geist leicht in Bewegung, oder bildlicher gesagt in Wallung.

Wir entwickeln Szenarien. Wir führen innere Streitgespräche. Wir sammeln Argumente für die eine und gegen die andere Möglichkeit. Oft wiederholen wir dabei immer wieder dieselben Gedanken.

Zen würde an dieser Stelle zunächst keine Antwort geben.

Zen würde zum Sitzen einladen.

Nicht mit der Erwartung, dass während der Meditation plötzlich eine klare Botschaft auftaucht. Zazen ist kein Orakel. Es geht nicht darum, auf eine besondere Stimme oder ein eindeutiges Gefühl zu warten.

Sitzen bedeutet zunächst, die Dringlichkeit nicht sofort zu bedienen, Impulsivität herauszunehmen.

Gedanken dürfen auftauchen. Angst darf da sein. Hoffnung, Ärger, Sehnsucht und Zweifel dürfen sich zeigen. Doch wir müssen nicht jedem Gedanken folgen und nicht jede innere Bewegung sofort in eine Handlung übersetzen.

So kann ein kleiner Abstand entstehen. Aus dieser Distanz können wir dann anders – klarer – sehen und urteilen.

Der Gedanke ist da. Aber er ist nicht automatisch die Wahrheit. Und ich muss nicht darauf reagieren.

Lebendigkeit – oder nur Aufregung?

Das erste Entscheidungskriterium Anselm Grüns lautet Lebendigkeit.

Aus einer Zen-Perspektive wäre dabei Vorsicht angebracht. Nicht alles, was sich intensiv, quirlig anfühlt, ist lebendig. Auch Risiko, Flucht, Verliebtheit, Ärger oder die Aussicht auf einen radikalen Neubeginn können starke Energie freisetzen.

Lebendigkeit ist nicht dasselbe wie Aufgeregtheit.

Eine hilfreiche Frage könnte lauten:

Bei welcher Möglichkeit bin ich wacher, gegenwärtiger und weniger abgeschnitten von dem, was tatsächlich ist?

Lebendigkeit zeigt sich vielleicht nicht darin, dass alles leicht und aufregend wird. Sie kann auch darin bestehen, einen schwierigen Schritt ganz bewusst zu gehen, ein notwendiges Gespräch zu führen oder eine lange vermiedene Wahrheit anzuerkennen.

Manchmal ist der lebendigere Weg gerade der unspektakuläre.

Freiheit – oder nur Flucht?

Freiheit ist ein zentrales Thema im Zen.

Gemeint ist jedoch nicht, immer tun zu können, was man gerade möchte. Auch unsere Wünsche entstehen aus Erfahrungen, Gewohnheiten, Verletzungen und Selbstbildern.

Eine Entscheidung kann sich frei anfühlen und dennoch eine Flucht sein.

Vielleicht verlassen wir eine Situation nicht, weil wir wirklich frei sind, sondern weil wir eine Auseinandersetzung vermeiden wollen. Oder wir bleiben nicht aus Verbundenheit, sondern aus Angst. Vielleicht sagen wir Ja, weil wir gebraucht werden möchten. Oder Nein, weil wir nicht abhängig erscheinen wollen.

Eine Zen-Frage könnte deshalb lauten:

Bei welcher Möglichkeit bin ich weniger durch Angst, Begehren, Kränkung oder meinem Bild von mir selbst gebunden?

Freiheit zeigt sich nicht nur darin, dass äußere Möglichkeiten größer werden. Sie zeigt sich darin, dass wir nicht jedem inneren Reflex gehorchen müssen.

Frieden – oder nur Ruhe vor dem Konflikt?

Auch der Begriff Frieden braucht eine genauere Betrachtung.

Eine Entscheidung kann zunächst Erleichterung bringen. Doch Erleichterung ist nicht immer Frieden. Wer einen Konflikt vermeidet, erlebt möglicherweise Ruhe. Wer resigniert, kämpft vielleicht nicht mehr. Wer sich anpasst, reduziert vorübergehend die Spannung.

Doch innerer Frieden ist mehr als das Ende unangenehmer Gefühle.

Aus Zen-Sicht könnte man fragen:

Welche Möglichkeit kann ich anschauen und tragen, ohne vor einem Teil der Wirklichkeit auszuweichen?

Frieden bedeutet nicht, dass Angst oder Zweifel verschwinden. Er kann auch darin bestehen, dass wir sie nicht mehr bekämpfen müssen und ihnen mit Gelassenheit und Gleichmut begegnen.

Eine Entscheidung kann stimmig sein und dennoch schmerzhaft. Sie kann mit Trauer verbunden sein. Sie kann Unsicherheit auslösen. Frieden ist dann nicht die Abwesenheit dieser Empfindungen, sondern eine tiefere Bereitschaft, die Wirklichkeit zu sehen und zu tragen.

Liebe – oder nur Selbstaufgabe?

Das vierte Entscheidungskriterium ist die Liebe.

Im Zen würde man vielleicht eher von Mitgefühl sprechen. Doch Liebe und Mitgefühl dürfen nicht mit bloßer Harmonie verwechselt werden.

Eine liebevolle Entscheidung kann ebenfalls bedeuten, eine Grenze zu setzen. Sie kann bedeuten, Nein zu sagen, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen oder eine schädliche Situation zu verlassen.

Umgekehrt ist nicht jedes Nachgeben liebevoll. Manchmal steckt dahinter Angst vor Ablehnung, der Wunsch, gebraucht zu werden, oder die Unfähigkeit, einen Konflikt auszuhalten.

Eine hilfreiche Frage lautet:

Welche Handlung vermindert Verhärtung und Getrenntheit und übernimmt zugleich Verantwortung für die konkreten Folgen?

Liebe schließt uns selbst mit ein. Aber sie endet nicht bei uns.

Nicht nur fühlen – auch prüfen

Die vier Entscheidungskriterien können hilfreich sein. Doch sie sollten nicht als reine Gefühlsskala verwendet werden.

Nicht: Was fühlt sich besser an?

Sondern:

  • Was sind die Wirkungen?
  • Was geschieht mit mir?
  • Was geschieht mit anderen?
  • Was wächst?
  • Was wird enger?
  • Welche Verantwortung entsteht?
  • Welche Kosten will ich nicht sehen?

Auch im Zen ist Klarheit nicht von Ethik zu trennen. Eine Entscheidung ist nicht allein deshalb stimmig, weil sie sich innerlich weit anfühlt.

Wir leben nicht isoliert. Jede Entscheidung wirkt in Beziehungen hinein.

Ein möglicher Zen-Weg der Entscheidung

Ein Zen-orientiertes Vorgehen könnte so aussehen:

Zuerst sitzen. Innere Wallungen herausnehmen. Impulse ins Leere laufen lassen. Nicht sofort reagieren.

Dann die Fakten von den eigenen Geschichten trennen. Was ist tatsächlich geschehen? Was interpretiere ich? Wo füge ich alte Erfahrungen, Verletzungen, Wünsche hinzu?

Anschließend die inneren Bindungen betrachten. Welches Ergebnis muss unbedingt eintreten? Was darf auf keinen Fall geschehen? Welches Selbstbild möchte ich bewahren?

Danach die vier Entscheidungskriterien prüfen:

Wo entsteht Lebendigkeit?
Wo wächst Freiheit?
Wo zeigt sich ein tragfähiger Frieden?
Wo wird Liebe oder Mitgefühl möglich?

Und schließlich: mit einem vertrauten Menschen sprechen. Nicht, um die Verantwortung abzugeben, sondern um die eigenen blinden Flecken zu erkennen.

Entscheiden ohne letzte Sicherheit

Auch nach sorgfältiger Prüfung bleibt ein Rest Unsicherheit.

Vielleicht ist eine reife Entscheidung nicht diejenige, bei der alle Zweifel verschwunden sind. Vielleicht ist sie diejenige, die wir nach bestem Wissen und mit möglichst klarem Blick treffen.

Zen lehrt nicht, das Leben vollständig abzusichern.

Zen übt, dem nächsten Schritt zu begegnen. Klar. Beherzt.

Nicht jeder Gedanke muss beantwortet werden. Nicht jede Angst muss verschwinden. Nicht jedes Risiko lässt sich ausschließen.

Wir sitzen. Wir schauen. Wir prüfen.

Und dann stehen wir auf und gehen.

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