Licht und Schatten

Schatten
Licht und Schatten

Schatten sind Bereiche ohne oder mit wenig Licht. Sie stehen für das Verborgene, nicht Sichtbare. Sie begleiten das Licht und sind die Bereiche, die vom Licht nicht erreicht werden. Wir streben nach dem Licht. Physisch, gerade jetzt im Frühjahr, suchen die Sonnenstrahlen. Und auch im übertragenden Sinne bei der Suche nach Erkenntnis.

Carl Gustav Jung hat dazu gesagt:

Man wird nicht erleuchtet, indem man sich Lichtfiguren vorstellt, sondern indem man die Dunkelheit bewusst macht. Das Letztere ist jedoch unangenehm und deshalb nicht populär.

Oder anders ausgedrückt: Erkenntnis findet sich nicht – oder zumindest nicht immer – im Offenkundigen, Sichtbaren. Sie muss aus dem Dunkel heraus ins Bewusstsein geholt werden.

Vieles schlummert im Dunkel

Ein Beispiel dafür: In vielen Regionen dieser Welt haben Rassismus, stumpfsinniger Nationalismus, Homophobie, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit, religiöse Intoleranz in den letzten Jahren wieder vermehrt Konjunktur. Diese Themen sind nicht neu und begleiten die Menschheit – mal mehr, mal weniger – vermutlich schon seit den frühen Tagen der Menschheitsgeschichte. Immer wenn es „andere“ gab, andere Clans, Stämme, Dörfer, Nationen.

Diese Verhaltensweisen lauern im kollektiven und individuellen Unbewussten. Im Reich dessen, was C. G. Jung den Schatten nannte. Es ist der schattenhafte Teil des Unbewussten, der sich vor unserem Bewusstsein zu verbergen scheint, sei es aus Angst oder Scham oder einfach aus der Unfähigkeit heraus zuzugeben, dass wir vielleicht nicht die Menschen sind, die wir gerne sein wollen.

Das Unbewusste ist das, was wir nicht über uns selbst wissen. Und der Schatten ist das, was wir nicht über uns selbst wissen wollen. Unglücklicherweise ist all das, was wir nicht wissen wollen, das, was unseren Ängsten Macht verleiht.

Umgang mit den Schatten

Carl Gustav Jung empfahl diese Schatten ans Licht zu bringen und ins Bewusstsein zu holen und sie zu integrieren. Er prägte dafür den Begriff der „Individuation“. Also sich als Mensch, als Individuum vervollständigen. Anschauungen, Haltungen, Meinungen und Perspektiven hinzugewinnen und sich dadurch entfalten.

Offensichtlich ist dieser Prozess leichter gesagt als getan. Wir können jedoch jeden Tag kleine Schritte in Richtung dieser Art von Individuation unternehmen. Das bedeutet, dass wir in jedem Augenblick reichlich Gelegenheit haben, uns dessen bewusst zu werden, was uns unbewusst aus dem Schattenraum heraus steuert.

Sich selbst in jedem Augenblick offen wahrnehmen, sich im Handeln und beim Denken beobachten, kurzum Achtsamkeit ist der Schlüssel dazu.

Viele Übungsfelder

Nehmen wir zum Beispiel den Straßenverkehr. Kleine Begebenheiten reichen aus, um uns plötzlich und vielleicht sogar sinnlos wütend auf einen anderen Fahrer zu machen. Wer kennt das nicht? Das könnte ein kleines Stück des Schattens sein, das aus der Dunkelheit herausschaut und sich bemerkbar macht. Jetzt ist es an der Zeit, bewusst zu werden! Beachte zunächst, dass die Wut wahrscheinlich das Ergebnis von Angst ist. Schließlich befinden wir uns im Straßenverkehr tatsächlich in potenziell gefährlichen, vielleicht sogar lebensbedrohlichen Situation, so dass das limbische System (der Teil des Gehirns, der Bedrohung wahrnimmt) möglicherweise bereits in Alarmbereitschaft ist.

Nehmen wir an, die Person im Auto vor dir zieht plötzlich in deine Fahrspur. Es kommt zu einem sofortigen Anstieg der Aktivität des limbischen Systems, und dies könnte zu einer Kampf- oder Fluchtreaktion führen. Das ist zunächst einmal ein hilfreicher Mechanismus, bringt er dich doch in die notwendige Handlungsbereitschaft.

Als Nächstes fügen wir in dieser Beispielsituation noch „etwas mehr“ hinzu und schon agieren wir aus unseren Schatten heraus. Fährt die Person zum Beispiel ein Auto, mit dem wir nachteilige Assoziationen haben? Vielleicht ist es ein benzinschluckender SUV („Oh, dieser Klimaveränderungsleugner“), oder vielleicht ein Elektrofahrzeug („Was für ein baumumarmender Hippie“), oder noch schlimmer, ein Motorrad („Bestimmt einer dieser Kriminellen“). Vielleicht blitzt das Geschlecht des Fahrers auf. Oder du bemerkst bestimmte Aufkleber oder die umhäkelte Klopapierrolle auf der Ablage, die eine Aussage machen, mit der wir nicht einverstanden sind.

All das manifestiert sich dann schnell aus dieser Situation heraus in Wut, Aggression und Ablehnung. Schnell entladen sich drohende Gesten und ein Sammelsurium an Schimpfwörtern. Dein Kopfkino übernimmt in Sekundenschnelle. Da ist nichts mehr mit bewusstem Handeln. Du agierst aus und in deinen Schatten.

Diese, und so viele weitere kleine Schatten-Momente geschehen ständig. Und sie hören auf, irgendwelche Macht zu haben, sobald wir sie ins Bewusstsein rufen.

In der Dunkelheit herumstochern

Wenn wir diese kleinen Schatten-Momente ins Licht, in unser Bewusstsein holen, dann werden wir vermutlich nicht im Detail deren Ursprünge verstehen („Warum stört mich dieser SUV so?“). Es wird auch nicht so sein, dass es uns individuell oder kollektiv davon abhalten wird, so reaktiv zu sein und wir alle „einfach miteinander auskommen“.

Es ist ein Schritt. Ein Samenkorn. Man macht einen Schritt, und dann noch einen weiteren. Und schon bald ist man weit von dem entfernt, wo man angefangen hat. Man pflanzt einen Samen, dann noch einen und noch einen, und eines Tages hat man einen Obstgarten, der viele, nährende Früchte trägt.

Und wer weiß? Vielleicht können wir das Licht finden, wenn wir ein wenig in der Dunkelheit herumstochern.

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