Verstand und Intuition

Verstand und Intuition

Vom Verstand zur Intuition

Zwei Dimensionen wie Entscheidungen zustande kommen: Verstand und Intuition – Was von beidem liefert „bessere“ Entscheidungen?

In der Kognitionsforschung – dem Teil der Neurobiologie, der sich mit „Erkennen“ beschäftigt – kommt man zunehmend zu der Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmungen und damit auch Handlungen durch das „Unbewusste“, durch die Intuition beeinflusst sind. Viel mehr, als wir meinen.

Von einer intuitiven Meisterschaft sind wir in der Regel weit entfernt. Das, was wir „Intuitions-Laien“ als wichtig empfinden, wird fast vollständig nur von einem einzigen Werkzeug unseres Geistes bestimmt: dem Verstand.

Daneben haben jedoch ein zweites Werkzeug, das ebenso unterschätzt wird, wie der Verstand überschätzt wird: unsere Intuition. Ein gut geschulter Verstand liefert uns bestimmte Ansichten über die Prioritäten des Lebens. Eine meisterlich ausgeprägte Intuition ebenfalls. Allerdings vollkommen andere.

Niemand bezweifelt, dass der Verstand ein wichtiges Werkzeug ist. Vernünftig zu sein ist das Mantra von Eltern, Kindergärtnerinnen und Lehrern. Ein hoher Intelligenzquotient gilt als Garant für Erfolg im Leben. Die Rolle des Verstandes ist so doktrinär in uns verankert, dass kaum jemand fragt, ob wir nicht noch andere Werkzeuge besitzen, um zu lernen, zu reagieren, uns zu entwickeln, mit Dingen und Menschen umzugehen.

Was ist mit der Intuition?

Jeder weiß, es gibt sie, doch man kann schwer beschreiben, was sie ausmacht, und noch weniger, wie sie funktioniert. Die Intuitionsforschung als Teilgebiet der Psychologie steckt in den Kinderschuhen. Inzwischen wissen wir zumindest, dass viele Entscheidungen, von denen wir annehmen, sie seien vom Kopf erfolgt, tatsächlich ganz stark vom „Bauch“ beeinflusst sind.

Sogar unsere Wahrnehmung ist nicht objektiv-rational. Wenn wir etwas sehen oder hören, beispielsweise ein Plakat oder das Zirpen einer Grille, so werden die Wahrnehmungen keineswegs nur wie durch ein Messinstrument im Hirn ausgewertet. Sie werden, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, intuitiv von leisen Emotionen, umfasst und beeinflusst. Wahrnehmungen und unsere Reaktionen darauf basieren nicht nur auf kalter Rationalität.

Nun gut, man mag zustimmen, die Intuition gebe es zwar, doch sie spiele ja wohl – außer vielleicht bei Künstlern – im modernen Alltag keine wesentliche Rolle mehr. Heutzutage komme es schließlich darauf an, zu planen, schnell möglichst richtige Entscheidungen zu treffen und sich durchzusetzen. Die Vernunft sei mit sicher gefühltem Abstand unser wichtigstes Werkzeug.

Intuition sei bestimmt weitgehend verzichtbar, und wenn nicht, dann könne man sie eh nicht herbeizaubern. Doch das ist ein furchtbarer Irrtum. Furchtbar deswegen, weil uns der Verstand weder persönlich glücklich machen kann, noch uns ethische Fragen oder Sinnfragen beantworten kann, noch uns als Spezies davor bewahrt, furchtbar mit unserem Planeten umzugehen.

Die menschliche Intuition kann all das. Und sie ist trainierbar. Ohne den Verstand zu beeinträchtigen. Je mehr Intuition, desto klarer wird die Sicht auf die wesentlichen Dinge im Leben, desto glücklicher kann man werden. Also Verstand oder Intiution? Oder vielleicht Verstand und Intiution?

Intuition zu schulen ist jedoch nicht einfach. Sie ist sogar bedeutend schwieriger, als der Verstand zu trainieren. Das zentrale Konzept des rationalen Lernens, die Konzentration auf Worte, Daten, Fakten, muss beim intuitiven Training in sein Gegenteil verkehrt werden: Die Konzentration auf „ein Denken ohne Worte, Daten, Fakten. Ehrgeiz und Eifer“, die beim rationalen Lernen helfen, sind beim Lernen der Intuition kontraproduktiv.

Mehr als beim rationalen Lernen braucht man Ausdauer und Geduld, wenn es über längere Zeit scheinbar nicht vorangeht.

Als wenn das nicht schon schwierig genug wäre, gibt es noch eine größere Hürde beim Training der Intuition. Ihre Entwicklung bedarf eines inneren Wandlungsprozesses, eines Schrittes der Selbstfindung, der für die Schärfung der Vernunftwerkzeuge nicht benötigt wird und den viele scheuen werden.

Der Lärm im Kopf

Ein Hindernis – nein, das elementare Hindernis – bei der intuitiven Gewahrwerdung der zugrundeliegenden Realität, darin sind sich alle Intuitionsmeister einig, ist der unablässige zwanghafte Strom gewollter und halb unterbewusster Wortgedanken, die Stimme im Kopf.

Das Problem des unaufhaltsamen Denkstroms ist, dass uns der Aus-Schalter verloren gegangen ist. Wir sind nicht mehr imstande, innezuhalten und innere Ruhe einkehren zu lassen. Das, was uns vor wenigen hunderttausend Jahren instand gesetzt hat, eine märchenhafte Beschleunigung unserer Evolution in Gang zu setzen, die Sprache, hat sich verselbständigt und sich unserer vollkommen bemächtigt.

Worte – gesprochen oder gedacht – wurden unabhängig und haben die Macht über unsere Gemüter übernommen. Sie überfluten uns, wir können sie nicht mehr anhalten. Es gibt nur wenige kleine Ausnahmen, bei denen der Gedankenstrom abreißt: die Sprachlosigkeit eines Kindes, wenn es das erste Mal den nächtlichen Sternenhimmel erblickt, Momente großer Gefahr, im Liebesrausch, bisweilen beim Singen im Chor oder beim Spielen eines Musikinstrumentes, manchmal, wenn ein Kind geboren wird.

Verstand und Intuition

Um Intuition zu gewinnen, gilt es die Vernunft zum Schweigen zu bringen, gilt es zu lernen, gelegentlich den Mahlstrom der Gedanken vollständig abzuschalten. Sowohl negative als auch harmlose als auch freudige Gedanken.

Das Nichtdenken zu üben, bedeutet nicht, den Verstand loswerden zu wollen. Selbstverständlich müssen wir planen, Aufgaben bewältigen, unser Leben organisieren. Es geht darum, den Verstand als Werkzeug zu verstehen, das man beizeiten in die Hand nimmt und beizeiten wieder weglegt. Die Fähigkeit des Weglegens ist verlorengegangen – das ist unser Problem.

Die Verbesserung seiner intuitiven Fähigkeit ist nicht umsonst, sie kostet eine Art Maut oder Fortbildungsgebühr. Man kann den Intuitionsweg nur dann beschreiten, wenn man bereit ist, einen Preis zu zahlen.

Der Preis bedeutet zu lernen, den Gedankenstrom anzuhalten. Die Meditation – in den verschiedenen Traditionen (christlich-mystisch, buddhistisch, ZEN, …) ist der Weg dazu.

Quelle: Der Text fasst zentrale Gedanken des Buches „Vom Verstand zur Intuition“ von Heinz-Uwe Hobohm, Prof. für Bioinformatik zusammen.

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2 Kommentare zu Verstand und Intuition

  1. Felix sagt:

    Vielen herzlichen Dank für diesen tollen Artikel!
    Vielleicht bis auf bald, bei einer eurer Meditationen.
    Viele Grüße!

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