Nur kurz mal – Mentale Nahrung (Teil 2)

Nur kurz mal; Mann im halbdunkel mit Blick auf das Smartphone, scrollend; um seinen Kopf viele Nachrichten und Meldungen;

„Nur kurz mal …“

„Nur kurz mal“ und die Mechanik dahinter. Warum uns Informationsfülle erschöpft.

Warum „nur kurz mal“ fast nie nur kurz mal ist – und was das mit Dopamin zu tun hat.

Im ersten Teil dieser Serie habe ich beschrieben, wie mein Smartphone „ganz schleichend“ wieder ins Schlafzimmer eingezogen ist. Und wie aus einem harmlosen Wecker-Ersatz ein kleines Ritual wurde: morgens zuerst Input von außen. Mein Smartphone war ein Trojanisches Pferd dafür.

Die Hauptaussage war einfach – und gleichzeitig unbequem:

Wenn Information Mentale Nahrung ist, dann essen wir heute oft wie an einer Dauer-Snack-Bar: schnell, viel, reizstark, negativ – und danach eher unruhig als genährt.

In diesem zweiten Beitrag möchte ich genauer hinschauen: Warum wirkt diese Art von mentaler Ernährung so stark? Warum greifen wir immer wieder zu „nur kurz mal“ – selbst wenn wir merken, dass es uns nicht wirklich guttut?

Nicht als trockene Theorie. Sondern als Landkarte. Denn, sobald wir die Mechanik verstehen, entsteht Entscheidungsfreiheit.

Nur kurz mal: Der Mythos: „Wenn ich informiert bin, bin ich sicher“

Viele von uns tragen – oft unbewusst – eine Überzeugung in sich:

Wenn ich informiert bin, habe ich mehr Kontrolle. Wenn ich mehr weiß, bin ich sicherer.

Das klingt vernünftig. Und es ist in einem gewissen Maß auch richtig. Orientierung ist wertvoll.

Aber der Mythos entsteht dort, wo aus „ein bisschen Orientierung“ ein innerer Imperativ wird: Ich muss alles wissen. Ich darf nichts verpassen. Die Angst, etwas zu verpassen (FOMO – Fear of Missing Out).

Und dann wird Information nicht mehr Nahrung, sondern Beruhigungsversuch. Oder genauer: ein Versuch, Unsicherheit zu reduzieren.

Das Problem: Unsere Informationsumgebung ist nicht dafür gebaut, Unsicherheit zu reduzieren. Sie ist dafür gebaut, Aufmerksamkeit zu binden. Und das beherrschen die Informations- und Desinformationsanbieter (Social Media) perfekt. Aufmerksamkeit bindet man am leichtesten über starke Emotionen: Empörung, Angst, Konflikt, Krise, Drama.

Die Folge ist paradox:

Du konsumierst Information, um dich sicherer zu fühlen – und fühlst dich danach oft unsicherer, alarmierter oder gereizter, vielleicht sogar deprimierter.

Mentale Nahrung, die eigentlich stabilisieren soll, kippt ins Gegenteil.

„Neu!“ – warum unser Gehirn darauf anspringt

Ein Schlüsselbegriff ist Neuheit.

Neuheit ist für unser Gehirn wie ein Signal: Achtung, hier könnte etwas Wichtiges sein. Das ist evolutionär sinnvoll. Wer auf neue Reize schnell reagiert, hat bessere Chancen zu überleben.

Und genau dieses System wird heute permanent angesprochen:

  • neue Nachrichten
  • neue Posts
  • neue Kommentare
  • neue Krisen
  • neue Skandale
  • neue Trends

Es gibt immer „noch etwas“, was „nur kurz mal“ unsere Aufmerksamkeit will. Und oft ist es nur eine Wischbewegung entfernt. Und noch eine. Und noch eine.

Dieses Neuheits-Signal wird im Körper als kleines Belohnungsversprechen erlebt. Dopamin ist der Grund dafür – nicht als „Glückshormon“, sondern eher als Motivations- und Suchsignal: Such weiter. Da ist vielleicht noch etwas.

Und so entsteht ein Verhalten, das viele kennen: Du greifst zum Handy, ohne es zu planen. Du öffnest eine App, ohne dich zu entscheiden. Du wirst hineingezogen. Du bleibst länger, als du wolltest.

Nicht, weil du „schwach“ bist. Sondern weil du menschlich bist, weil dein Geist auf der Suche nach Neuigkeiten ist.

„Negativ gewinnt“ – warum die Inhalte oft düster sind

Ein zweiter Mechanismus ist unser eingebauter Bedrohungs-Bias: Wir reagieren stärker auf potenzielle Bedrohungen als auf neutrale oder positive Informationen.

Auch das ist evolutionär logisch: Wer das Rascheln im Gebüsch ignoriert, wird eher gefressen als der, der vorsichtig ist. Sofern das Rascheln vom Löwen kommt und nicht vom Eichhörnchen, was wir zunächst natürlich nicht wissen.

Mediale Systeme verstärken diesen Bias. Denn Inhalte, die Alarm auslösen, werden häufiger geklickt, vom Algorithmus bevorzugt, häufiger geteilt und kommentiert. So entsteht eine Informations-Diät, die sich anfühlt wie:

  • ständig „breaking“
  • ständig „kritisch“
  • ständig „problematisch“
  • ständig „empörend“

Und das hat einen Preis. Denn wenn du täglich viele Minuten oder Stunden in einem Alarmklima verbringst, reagiert dein Nervensystem entsprechend.

Du wirst nicht einfach informiert. Du wirst konditioniert.

Mentale Nahrung kann also wie ein Dauer-Stress-Reiz wirken – selbst wenn du „nur kurz mal“ schaust.

Aufmerksamkeitsmüdigkeit: Warum „viel Input“ uns nicht leistungsfähiger macht

Kennst du dieses Gefühl am Ende eines Tages: Du hast viel gelesen, viel gesehen, viel mitbekommen – und trotzdem bist du innerlich müde. Nicht körperlich, eher mental.

Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Aufmerksamkeit ist begrenzt. Und ständiger Kontextwechsel kostet Energie.

Jede Push-Nachricht, jeder Wechsel von Thema zu Thema, jede neue Meldung verlangt deinem Geist etwas ab:

  • Orientierung: Wo bin ich gerade?
  • Bewertung: Ist das wichtig?
  • Einordnung: Was bedeutet das für mich?
  • Entscheidung: Reagiere ich darauf? Wie?

Wenn du diese Schritte dutzende oder hunderte Male am Tag machst, entsteht Aufmerksamkeitsmüdigkeit.

Und dann passiert etwas Entscheidendes: Wenn die bewusste Steuerung erschöpft, übernehmen automatische unsere Muster. Du wirst reaktiver, wie im Autopilot. Ungeduldiger. Schneller gereizt. Weniger präsent.

Ironischerweise greifen viele dann wieder zum Handy – als vermeintliche Pause. Und verstärken damit genau das, wovon sie Erholung bräuchten. Die Konditionierung schreitet fort.

„Verdauung“ fehlt: Warum Information ohne Pause nicht zu Weisheit wird

Information allein genügt nicht. Sie braucht Verarbeitung.

Bei körperlicher Nahrung ist das selbstverständlich: Essen allein reicht nicht. Der Körper muss verdauen. Nährstoffe müssen aufgenommen werden. Das braucht Zeit und Ruhe.

Bei mentaler Nahrung ist es ähnlich. Aus Information wird erst dann etwas Tragfähiges, wenn sie:

  • integriert werden kann
  • in Zusammenhang gebracht wird
  • innerlich „sacken“ darf
  • im besten Fall zu Einsicht reift

Und genau hier liegt der Engpass unserer Zeit: viel Input – wenig Raum und Zeit dazwischen.

Wenn du trotz Informationsfülle weniger Klarheit spürst, fehlt vielleicht nicht Wissen. Vielleicht fehlt Raum und Zeit.

Die Brücke zur alltagsbezogenen Meditationspraxis

In der Zen-Praxis gibt es einen einfachen Gegenpol: Sitzen. Atem. Gegenwärtige Präsenz.

Nicht als Technik zur Leistungssteigerung, sondern als Rückkehr zu dem, was vor dem Strom der Inhalte da ist: Wahrnehmen, ohne sofort zu reagieren.

Meditationspraxis bedeutet hier nicht Abschottung. Sondern bewusste Momente ohne Konsum, ohne Bewertung, ohne Reiz. Den eigenen Steuerhebel wieder in die Hand nehmen.

Wenn Mentale Nahrung das ist, was du aufnimmst, dann ist Meditation – ganz pragmatisch gesprochen – Teil der Verdauung.

Eine Mini-Übung: Der Zwischenraum (30 Sekunden)

Probier es genau in dem Moment, in dem du „nur kurz mal“ aufs Handy willst:

  1. Stopp.
  2. Ein bewusster Atemzug.
  3. Frage: Will ich gerade Mentale Nahrung? – Wirklich? – Oder brauche ich eine Pause?
  4. Dann entscheide.

So machst du aus dem Autopilot bewusste Entscheidungen. Das ist kein Verzicht. Es ist Wahlfreiheit und Bewusstheit.

Mentale Nahrung – Ausblick auf Teil 3

Im dritten Teil wird es konkret:

  • Qualität statt Quantität – was nährt wirklich?
  • Mentales Fasten – kleine Räume ohne Input
  • Verdauung und Weisheit – wie Stille Integration ermöglicht

Denn am Ende ist die Frage nicht: Wie kann ich alles wissen?

Sondern: Wie kann ich klarer leben?

Teil 1: Mentale Nahrung: Information ist das neue Junk Food | Das Trojanische Pferd im Schlafzimmer

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