Rechte Anstrengung, Achtsamkeit, Sammlung

Anstrengung

Anstrengung, Achtsamkeit, Versenkung / Sammlung

Nach einem langen Arbeitstag unter der Dusche stehen, den Bürostaub und alle Anstrengung unter einem warmen Wasserstrahl abspülen, sämtlichen Frust in den Abguss laufen lassen und erfrischt aus der Wanne steigen, ist ein großartiges Gefühl. Wir fühlen uns wie neugeboren, zuhause im Körper, bereit zu neuen Taten. Dieser kleine Moment kann uns eine Ahnung davon vermitteln, dass das Alte jederzeit abperlen und neue Frische entstehen kann.

Sitzen, als nähme man ein warmes Bad

Das geschieht auch in der Meditation. Wir sitzen und plötzlich und unerwartet fällt alles ab. Kein Schmerz, keine Anstrengung, kein Müssen, kein Wollen. Da ist niemand mehr, der kämpft. Tiefes Loslassen, Stille, einfach sein. »Sitting like taking a warm bath«, sitzen, als nähme man eine warmes Bad, nennt Reiko Mukai Roshi diesen Zustand der Selbstvergessenheit. Keiner mehr da, der sitzt. Sitzen geschieht. Atmen geschieht. Dasein geschieht.

Hingabe ist die Qualität, die uns uns selbst vergessen lässt. Aber Hingabe lässt sich nicht machen, sie kann nur zugelassen werden. Ähnlich wie Spontanität. »Sei doch endlich mal spontan!« ist eine paradoxe Aufforderung, der wir nicht folgen können, jedenfalls nicht mit dem Verstand. »Lass doch mal los!« erscheint uns genauso unmöglich. Wie sollen wir das machen? Es geht nicht. Loslassen geschieht, wenn der Verstand sich müde gelaufen hat und die inneren Kontrollinstanzen sich zur Ruhe legen.

Dann öffnet sich etwas und lässt alles erstrahlen. Diese Erfahrung ist nicht nur auf der Matte möglich. Auch beim Joggen, Tanzen oder Treppensteigen können wir manchmal spüren, dass da niemand ist, der etwas macht. »Es« läuft, es tanzt, es geht von allein. »Flow« nennen das die Psychologen. »Eins sein« heißt es im Zen.

Eins sein mit uns, der Welt und unserem Tun. Wenn es keine Trennung gibt, kein Ich, das bewertet, abwertet, kommentiert, ist jeder Moment neu und vollkommen. Versenkung, im Zen Samadhi genannt, ist mehr als Flow. Samadhi ist das Ticket in den unendlichen Raum, in dem alle Verstrickung sich auflösen kann.

Meditation ist nicht immer gleich. Sie verändert sich. Für die Veränderung einer regelmäßigen Meditationspraxis werden oft drei verschiedene Zustände beschrieben:

Der erste Zustand: Anstrengung

Du setzt dich hin und übst auf der Meditations-Matte am Morgen. Unruhe, Gedanken, Müdigkeit. Und einer der Gedanken sagt: »Ich komme nicht zur Ruhe!« Oder »ich bin so weit weg von der schönen Meditation auf dem Zen-Seminar letzten Monat oder vergangenen Montag.« Ein Gefühl sagt: »Ich will ins Bett, mag nicht, echt anstrengend.«

Der erste Zustand ist verbunden mit Anstrengung, oft auch als rechte Anstrengung bezeichnet. Konzentration auf die eigene Meditation, Fokus, Anstrengung.

Dafür bietet sich folgendes Bild an:

Ein Bauer pflügt im kalten Frühlingsregen sein Feld. Der ziehende Ochse vor dem Pflug ist seine konzentrierte Lebenskraft. Er liest große und kleine Steine aus dem Feld. Mühevoll schafft er sie fort. Und er sät und pflanzt. Nichts ist zu sehen. Eine Krähe fliegt im Regen übers Feld.

Du übst am Morgen. Tausend Gedankensteine und Gefühlsfelsen begegnen dir. Weiße und graue Wolken kommen und gehen. Mal lässt du sie ziehen, mal schneidest du sie ab.

Wie der Bauer: mal läuft der Pflug, du hältst nur den Weg. Mal liest du einen großen Stein heraus. Du konzentrierst dich auf die Zen-Übung (z.B. die Atembetrachtung). Du sitzt in Kraft und Stille.

Der zweite Zustand: Achtsamkeit

Der zweite Zustand ist verbunden mit Achtsamkeit und Mühelosigkeit. Man spricht auch von rechter Achtsamkeit.

Der Bauer sitzt im Sommer am Feldesrand. Wind spielt in den Blättern angrenzender Bäume und malt Wogen in das weite und offene Kornfeld. Hier und da verscheucht er einen Hasen. Hier und da zupft er eine Distel. Sonst sitzt er nur da. Ein Lächeln öffnet sich in der Stille. Meditation ist Anhalten im Wahn.

Der dritte Zustand: Sammlung / Versenkung

Der dritte Zustand ist verbunden mit Selbstvergessenheit. Du folgst deinem Ausatmen. Tiefer und tiefer. Niemand ist mehr da. Nur Einheit mit der Übung, nur Freude, nur Glückseligkeit, nur tiefe Freiheit. Selbstvergessenheit ist der Schlüssel. Man spricht von rechter Versenkung, rechter Sammlung

Der Bauer sitzt im Herbst mit Freunden beim Erntefest. Das Feld leuchtet im goldenen Licht der Sonne. Freude, Dankbarkeit.

Alle Zustände sind wichtig

In der Meditation sind alle Zustände gleich wichtig, nur unser Ich bewertet dies unterschiedlich. Lasse ich von dieser Bewertung ab, dann wird die Meditation natürlich, tief und vollendet. Gerade der Vergleich mit Anderen oder mit vergangenen Erfahrungen ist die Ursache für Verwirrung und Verstrickung auf dem Meditationsweg.

Konzentration (Anstrengung), freudvolle Wachheit (Achtsamkeit), glückselige Gelassenheit (Sammlung / Versenkung), alle Zustände sind der Weg.

Rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Sammlung. Wie könnte der Bauer ernten, wenn er nicht säen würde? Wie säen, wenn er nicht roden und pflügen würde?

Quelle: Das Leben ist ein Geschenk – Hinnerk Polenski

Zurück zur Übersicht

 

Dieser Beitrag wurde unter ZEN abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.