Emotionaler Stil – Umgang mit Gefühlen verändern

Emotionaler Stil
Emotionaler Stil nach Richard Davidson

Emotionaler Stil – gibt es so etwas? Sind wir als Mensch im Umgang mit Gefühlen festgelegt? Was sagt das über uns aus? Welche Konsequenzen bringt das mit sich? Ist ein emotionaler Stil veränderbar?

Jeder Mensch geht auf sehr unterschiedliche Weise mit Ereignissen in seinem Leben um. So gibt es Menschen, denen Stresssituationen nichts anhaben können. Andere hingegen brauchen sehr lange, um sich auch von kleinsten Unstimmigkeiten oder einem Streit zu erholen.

Der emotionale Stil – so individuell wie ein Fingerabdruck

Der Neurowissenschaftler Richard Davidson forscht schon sehr lange dazu. Er fand heraus, dass es eine sehr große Bandbreite bei der Reaktion auf emotionale Reize und die damit verbundenen Stimmungen gibt. Daraus ergibt sich für jeden Menschen eine Art emotionaler Stil, der so individuell wie ein Fingerabdruck ist und der ihn auf eine bestimmte Weise fühlen, wahrnehmen und handeln lässt.

Dieses emotionale Profil bildet sich durch Erfahrungen und Erlebnisse, aber auch durch die Art unserer Gedanken, unsere Handlungen und unsere Lebensweise heraus. Was uns genetisch mitgegeben ist, spielt ebenfalls eine Rolle.

Die äußeren Einflüsse, vor allem die frühen Erfahrungen, sind besonders bedeutsam. Und genetisch vorbelastet zu sein, bedeutet nicht, dass eine Veränderung unmöglich wäre. Im Gegenteil: Jede der sechs Dimensionen unseres emotionalen Profils lässt sich durch Training verändern.

Sechs Dimensionen des emotionalen Stils

Davidson geht von (mindestens) sechs Dimensionen aus, die den emotionalen Stil ausmachen. Jede dieser Dimensionen hat ihre eigene typische, nachweisbare neuronale Signatur. Das heißt, sie lässt sich im Gehirn anhand bestimmter Aktivitätsmuster einzeln nachweisen.

Die sechs von Davidson erkannten Dimensionen sind: Resilienz, Grundeinstellung, Soziale Intuition, Selbstwahrnehmung, Kontextsensibilität und Aufmerksamkeit.

Emotionaler Stil

Emotionaler Stil nach Richard Davidson

 

Resilienz

Hiermit ist die Regenerationszeit gemeint, die jemand nach einem Rückschlag, einer stressigen Situation, einem Streit oder einer anderen emotionalen Herausforderung benötigt, um wieder in einen gelassenen, „normalen“ Zustand zu gelangen.

Grundeinstellung

Grundeinstellung meint die grundlegende Sichtweise – eine eher positive oder eher negative. Also die bekannte Frage danach, ob für jemanden das Glas halbvoll oder halb­ leer ist. Es gibt Menschen, die in allem das Positive sehen (auch im Übermaß). Und andere, die voller Zynismus und Pessimismus durch die Welt gehen. Und natürlich alles dazwischen.

Menschen mit einer positiven Sichtweise gelingt es sehr gut, sich positive Emotionen zu bewahren. Bei anderen hingegen verpufft ein positives Erlebnis bereits nach kurzer Zeit wieder und alles wird wieder „grau“.

Bei der Dimension Grundeinstellung geht es vor allem um die Fähigkeit, sich positive Gefühle wie Freude möglichst lange aufrechtzuerhalten. Wenn diese Fähigkeit wenig stark ausgeprägt ist, dann leidet die Beharrlichkeit, Dinge zu Ende zu führen (Motivation). Dies hat große Konsequenzen für sämtliche Tätigkeiten des Alltags oder für Planungen. Menschen, die eher am negativen Pol verortet sind, haben es schwerer, dauerhaft Freude, Glück oder Zufriedenheit zu empfinden. Wer um diese Tatsache weiß, kann eventuell viel gelassener damit umgehen oder sogar gegensteuern.

Soziale Intuition

Damit wird die Fähigkeit bezeichnet, die verbalen wie non-verbalen Signale von Mitmenschen zu erkennen und zu interpretieren (Empathie). Also Gestik, Stimmlage, Mimik, Körperhaltung, Blickkontakt etc.  Es gibt Menschen, die in anderen „wie in einem offenen Buch lesen“ können. Sie werden zum intuitionsstarken Typus gezählt. Das Gegenteil ist der intuitionsschwache Typus, dem es schwerfällt, Emotionen von anderen zu erkennen oder gar zu interpretieren.

Selbstwahrnehmung

Manche Menschen können ihren aktuellen Gefühlszustand zutreffend beschreiben. Sie wissen genau, dass und wann und warum sie ärgerlich, irritiert oder unsicher sind. Andere hingegen haben kaum Zugang zur eigenen Gefühlswelt oder zum eigenen Befinden. Sie reflektieren selten ihr Verhalten oder bemerken gar nicht, dass sie z.B. eifersüchtig, wütend oder zornig reagieren. Das eine Extrem wird als selbstaffin bezeichnet, das andere als selbstblind. Beide Extreme bringen in bestimmten Situationen Vor- und Nachteile mit sich.

Kontextsensibilität

Einige Menschen  tappen in jedes Fettnäpfchen oder fallen regelmäßig aus der Rolle. Sie haben kein Gespür für angebrachtes Verhalten in bestimmten Kontexten. Dem Chef unangebrachte Witze zu er­ zählen oder auf einer Beerdigung eine Affäre mit einem der Trauergäste zu be­ginnen (O-Ton Davidson) – beides sind Beispiele für ein solches Ausfall-Verhalten.

Andere wiederum sind so damit beschäftigt, sich in jedem Fall korrekt zu verhalten, dass sie gar nicht mehr zu einem normalen, autentischen Gespräch fähig sind oder sich ständig verbiegen, um sich konform zu verhalten. Dies kann auf Dauer sogar in die Depression führen. Die einen sind sehr kontextaffin, die anderen kontextblind.

Aufmerksamkeit

Manchen gelingt es, Chaos um sich  herum auszublenden, sei es emotional oder beispielsweise lärmbedingt, und sich auf ihren Job zu konzentrieren. Oder sie sind so sehr in ihre Arbeit vertieft, dass sie die Welt um sie herum vergessen (Flow). Andere wiederum lassen sich von der geringsten Ablenkung durcheinanderbringen und bekommen keinen klaren, fokussierten Gedanken mehr hin. Sie können keinen Filter „anschalten“, der alles Störende einfach von ihnen fernhält. Sie werden von den äußeren und inneren Reizen quasi willenlos überflutet. Das eine Extrem wird als konzentrationsstark, das andere als konzentrationsschwach bezeichnet.

Der emotionale Stil ist weder positiv noch negativ

„Jeder Mensch trägt Elemente aus allen sechs Dimensionen in sich“, weiß Davidson. Aus ihnen, und der jeweiligen Ausprägung, setzt sich unser emotionaler Stil zusammen. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die jeweiligen Stile an sich weder positiv noch negativ sind.

Und die gute Nachricht lautet: Der emotionale Stil ist nicht fix festgeschrieben und unveränderlich. Man kann ihn beeinflussen, verändern, daran arbeiten. Wenn man will.

Was bringt es, wenn man seinen emotionalen Stil ändert?

Davidson beantworte diese Frage damit, dass man sein Wohlbefinden steigern kann. Es geht dabei aber nicht darum, permanent glücklich zu sein: Man kann sehr zufrieden und doch zuweilen traurig sein. Manchmal ist das sogar angemessen, zum Beispiel wenn wir um einen Verstorbenen trauern.

Aber wir alle kennen von uns auch emotionale Reaktionen, mit denen wir nicht glücklich sind und die wir gerne ändern würden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Davidson meint damit nicht, dass es einen „optimalen“ emotionalen Stil gibt. Im Mittel betrachtet machen uns manche Merkmale das Leben leichter. Etwa Resilienz oder eine positive emotionale Grundhaltung. Es gibt aber allerdings viele kreative und faszinierende Menschen, die sehr sensible und verletzlich sind und dazu stehen.

„Das Wichtigste ist, ehrlich Bilanz zu ziehen: Leide ich unter meinen Eigenheiten? Beeinträchtigen sie mein Privat- oder Berufsleben?“

In dem Fall kann es helfen, sich zu ändern. Die Arbeit am eigenen emotionalen Stil trägt dann dazu bei, sich insgesamt besser und mehr im Einklang damit zu fühlen, wie man sein möchte. Das ist umso bedeutsamer, als es eine empirisch belegte Verbindung gibt zwischen unserem psychischen Wohlbefinden und unserer körperlichen Gesundheit.

Der emotionale Stil und Meditation

Die besten Belege dafür, dass wir unseren emotionalen Stil ändern können, stammen aus Studien über Meditationspraktiken. Eines der Merkmale ist zum Beispiel die Aufmerksamkeit, das Konzentrationsvermögen. Wie mehr als 100 solide Forschungsarbeiten zeigen, können wir uns darin verbessern, also lernen, uns weniger leicht ablenken zu lassen. Und zahlreichen anderen Arbeiten zufolge mindern Konzentrationsprobleme das Wohlbefinden. Da gibt es einen Zusammenhang.

Offenbar ist es demnach durchaus möglich, den Geist zu trainieren und damit den emotionalen Stil zu verändern und Wohlbefinden zu fördern. Die Studien zeigen auch, dass man sich mit Meditation und weiteren Techniken auf den anderen Dimensionen ebenfalls entwickeln kann. Die besten Ergebnisse erzielt man für Resilienz und positive Emotionen.

Wie kann Meditation dabei helfen?

Um die Aufmerksamkeit zu trainieren, kann man sich etwa auf den Atem konzentrieren und jeden Atemzug bewusst erleben. Jedes Mal, wenn die Gedanken abdriften, führt man die Aufmerksamkeit wieder auf den Atem zurück.

Wer lieber an seinen positiven Gefühlen arbeiten möchte, sollte Praktiken der Güte und des Mitgefühls einüben. Hier gibt es ebenfalls Übungen in der Meditationspraxis.  Beispiel: Denke in der Meditation an jemanden, den du magst, einen Freund. Stelle in dir in einer schwierigen Phase seines Lebens vor und formulieren den Wunsch, dass er von diesen Problemen befreit werden möge. Dazu kannst du innerlich einen einfachen Satz wiederholen: „Möge er frei von Leid sein.“

Andere Übungen stammen aus bewährten Behandlungsmethoden wie der kognitiven Therapie. Das Prinzip ist, über negative Ereignisse anders denken zu lernen. Wenn jemand etwa immer sich selbst die Schuld an allem gibt, bringt man ihm bei, äußere Faktoren zu erkennen, die ebenfalls eine Rolle spielen. Das nennt man kognitive Neubewertung. Mehrere Studien belegen, dass dieses Training ebenfalls Veränderungen im Gehirn bewirkt. Letztlich kann man damit zwei Achsen des emotionalen Stils weiterentwickeln: Perspektive und Resilienz.

Wie stark lässt sich der emotionale Stil beeinflussen?

Lange Zeit glaubte man, das Gehirn könne sich nur wenig verändern. Heute weiß man, dass der Spielraum größer ist als gedacht (Neuroplastizität). Wenn man das Gehirn von Versuchspersonen betrachtet, die Zehntausende von Stunden meditiert haben, sieht man enorme Unterschiede zu den Kontrollprobanden. Natürlich haben diese Menschen, oft buddhistische Mönche, ein ungewöhnliches Leben geführt; wir können also nicht mit Sicherheit sagen, dass die Meditation die beobachteten Unterschiede tatsächlich verursacht.

Doch andere Forschungsarbeiten, bei denen man das Gehirn von Meditationsanfängern vor und nach einer gewissen Meditationsdauer untersucht hat, vervollständigen das Bild. Davidson und sein nicht minder renommierter Kollege Daniel Goleman schlossen daraus, dass das Ausmaß der Veränderung von der Intensität des Trainings abhängt.

„Wenn du wenig übst, ändert sich auch nur wenig. Aber wenn du oft und lange übst, veränderst du dich sehr.“

Fühlen und Denken greifen ineinander

Davidson erkannte, bzw. machte es durch bildgebende Verfahren sogar sichtbar, dass sich das „Gefühls-System“ mit dem „Denk-System“ im Hirn überschneidet. Fühlen und Denken greifen ineinander. Davidson geht sogar weiter, indem er formuliert: „Praktisch alles, was wir tun, ist von Gefühl durchdrungen. Es gibt keine klare, eindeutige Trennlinie zwischen Emotionen und anderen mentalen Prozessen.“ Unsere Emotionen geben allem (Gedanken, Wahrnehmung, …) eine Art Färbung.

Emotionaler Stil und Gesundheit

Unser emotionaler Stil beeinflusst unsere Empfindungen und unser Verhalten. Er bestimmt, wie stressanfällig wir sind und wie disponiert wir eventuell für psychische Störungen sind. Dass er auch auf unsere Gesundheit Einfluss hat, überrascht dann kaum noch.

Unsere Atmung, das Immunsystem, das Herz­Kreislauf-System oder das Magen-Darm­System, sie alle reagieren auf unsere emotionalen Zustände.

„Was sich in unserem Kopf abspielt, wirkt sich zwangsläufig auf unseren Körper aus. Hinzukommt, dass die Kommunikation in beiden Richtungen funktioniert, sodass der Körper seinerseits auf das Gehirn Einfluss nimmt“, so Davidson.

Zugleich zeigt diese Untersuchung, dass sich durch geistige Einflussnahme, z.B. durch Meditation, das Muster der Gehirnaktivität verändert.

Es gibt zahlreiche Übungen im großen Feld der meditativen Praxis, die geeignet sind, um die Positionen auf der Skala des emotionalen Stils behutsam zu modellieren.

Wie ist dein emotionaler Stil? Was würdest du gerne verändern?

Quellen: „Warum wir fühlen wie wir fühlen“ (Davidson / Begley), Sektrum.de: Man kann den emotionalen Stil verändern, eigene Ergänzungen

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